Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1898)
- Date
- 1898-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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—r-:—:—. ■ ■'.. " — 249 — Dieser Verein — mit Geuugthuung und ohne Überhebung können wir dies sagen — ist seiner Aufgabe voll und ganz gerecht geworden; dafür spricht die Thatsache, daß aus ihm Männer hervorgegangen, die heute in den bedeutendsten Städten Deutschlands und Österreichs und auch über ihre Grenzen hinaus ihre segensreiche Thätigkeit entfalten und in glänzender Weise jene Eigenschaften in sich vereinen, die ihr Beruf verlangt. Doch nicht mit dieser Thatsache wollen wir uns begnügen, sondern darnach forschen, wie jene Thatsache möglich geworden, damit die Bedeutung dieses Vereines uns vor Augen trete. Hochverehrte Festgenossen! Liebe Collegen! Das Wort eines der größten deutschen Dichter und Denker lautet: „Ein edler Mensch kann einem Kreise Nicht seine Bildung danken. Vaterland Und Welt yluß auf ihn wirken. Ruhm uud Tadel Muß er ertragen lernen. Sich und andere Wird er gezwungen recht zu kennen"?) Ist dies die Aufgabe eines jeden edlen Menschen, so ist sie es gewiß und ganz besonders die des jüdischen Theologen, der seinen künftigen Beruf sich vor Augen hält. Er muß, wenn er auf andere wirken will, Vaterland und Welt auf sich wirken lassen; nicht darf er einem engen Kreise seine Bildung danken, aber auch nicht selbst zu enge ziehen den Kreis seiner eigenen Bildung. Glücklich können wir uns deshalb schätzen, einer Anstalt anzugehören, die zu ihrem Principe erhoben hat die Versöhnung des positiven Judentums mit dem Leben der Gegenwart auf dem Boden der Wissenschaft; glücklich können wir uns schätzen, daß der Mann, welcher die Anregung zu diesem Vereine gegeben, es ausgesprochen: „Wissenschaft ist das Herz des Judentums, aus dem sich das Blut durch alle Adern ergießt." Glücklich können wir uns preisen, daß die Richtung, welche diese große Lehrer eingeschlagen, auch später festgehalten worden; hat doch jenes großen Lehrers großer und treuer Schülers es ausgesprochen, daß „auch er, wenn auch nicht in gleicher Weise, so doch in möglich gleichem Geiste und gleicher Gesinnung wie sein unvergeßlicher Meister zu lehren gedenke und dies nicht etwa aus Rücksichtnahme auf die Pietät gegen seinen verewigten Lehrer und die Intentionen dieser Anstalt, sondern in Angemessenheit seiner eigenen Gesinnung deshalb, weil er nicht anders könne; erklärte er doch auch ferner, daß bei aller innigen Pietät für unsere heilige Tradition auch ein verständnisvoller Blick fiir die Gegenwart nicht fehlen dürfe." Darin nun liegt die Bedeutung des Homiletischen Vereines, daß hier der Blick dafür geschärft wurde, wie die heiligen Forderungen der Religion mit den Ansprüchen der Gegenwart zu vereinigen seien; hier war die Stätte, wo einem *) Göthe tu Torquato Tasso 2. Austritt. *) Mein hochverehrter Lehrer, Herr Seminarrabbiner Dr- I. Leivy.