Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1898)
- Date
- 1898-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 noch niemals bewirkt, daß ein Gewand wieder gefällig erschien. Wir haben nur wenige Gebete in unserem Gebetbuche, die unverändert noch wahrhaft erbaulich für uns sind, und der Krebsschaden unseres Gottesdienstes befindet sich auch ganz anderswo. Unser Gottesdienst ist hebräisch, die Zahl Derer aber, welche diese Sprache verstehen, ist über alle Maßen klein: wie können Gebete, die nicht verstanden werden, die Andacht wecken und fesseln? Vorlesungen aus der Thora, die nicht verstanden werden, den Hörer belehren und bessern? mit wie vieler Feierlichkeit holen wir nicht die Thora aus ihrem Schrein, und wabrlich sie, die heilige, verdient unsere unbegrenzte Verehrung und Hingebung! aber was haben die meisten von uns aus ihr vernommen? fremde, unverstandene Worte, der Geist blieb leer, das Herz kalt, und dann wurde sie wieder mit Feierlichkeit zurückgebracht in ihren Schrein, sind das nicht leere, Gott und euch selbst mißfällige Feierlichkeiten? kann das Judentum wieder lebendig werden in uns, kann es neue, fröhliche Blüten treiben» so lange es also bleibt? muß es nicht im Gegenteil noch schlimmer in Zukunft mit ihm werden, da die Zahl Derer, welche Hebräisch verstehen, immer noch kleiner wird, weil es den ohnehin mit Lehrgegenständen überladenen Kindern rein unmöglich ist, es hinlänglich zu erlernen? Alle bisherigen Reformen aber, und selbst die umfassenderen, deren Notwendigkeit ich eben nachwies, betrafen und betreffen bloße Äußerlichkeiten, auch die Sprache des Gottesdienstes ist nur ein Äußerliches, rufen nicht alle Völker nnd Zungen zu Gott, und er höret sie? Einige Fragen aber, die bis dahin noch nicht laut geworden waren, drängten sich jetzt hervor, tiefere, heilige Fragen des Inhaltes: Sind wir nicht in unserem Gewissen verpflichtet, unser Bekenntnis mit unserer Überzeugung in Übereinstimmung zu bringen? und dürfen wir lügen vor Gott? um in Betreff des Letzteren Einiges zu nennen, dürfen wir vor ihm um unsere Rückkehr nach Palästina beten, da wir nicht wünschen dahin zurückzukehren? dürfen wir vor ihm um Wiederherstellung des Opferdienstes beten, da wir sie picht wünschen können, weil solche Opler unsereni Gefühl widerstreben? Ferner ist es denn einzig und allein unser Gottesdienst, der noch immer im Argen liegt, oder ist nicht vielmehr das ganze jüdische Leben schwer krank? wenn unsere späteren Religionsschriften zehntausend kleine Satzungen vorschreiben, und nicht nur Leichtsinnige sie übertreten, sondern auch wahrhaft religiöse Gemüter so viele derselben nicht mehr heilig finden können, weil sie auf irrtümlichen Auffassungen beruhen, weil sie zuweilen sogar heidnischen Ursprunges sind, weil sie oft das bessere Gefühl verletzen: soll gleichwohl solchen Satzungen immer noch ihre Verbindlichkeit zuerkannt werden, und sollen religiöse Gemüter sie ferner üben? ist ihre fortgesetzte Heiligerklärnng nicht eine Lüge? ist die Forderung, sie dann noch zu üben, nicht die Aufforderung zur Heuchelei? und ist die Übung derselben dann nicht ein frevelhaftes Spielen mit Gott dem Herrn? Also das ist das Volk Gottes, das verpflichtet wäre, von Religionswegen, von Gotteswegen, dem Heiligsten