Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 231 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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231 Das Verbrechen ist ein Irrsinn! Gewiß! Aber die Weisheit und die' Frömmigkeit werden so schlecht belohnt. Wie viele Verbrecher werden geehrt nnd erreichen ein Glück, das doch von Rechts wegen nur den tugendhaften Menschen zu teil werden sollte. Und ach! — wie viele tugendhafte Menschen brechen unter der Last der Unglücksfälle zusammen, die doch nur deir Bösen treffen müßten! Die Gesellschaft ist zu schlecht eingerichtet. Die Menschen nehmen niemals die richtigen Stellen ein. Die Könige sind selbstsüchtig und böse, die Richter lasterhaft, die Völker undankbar und vergeßlich. Und was ist denn die wahre praktische Weisheit? — O, die ist einfach genug! Man genieße ruhig und bescheiden das Vermögen, das mau durch Arbeit gewonnen, man lebe glücklich mit der Frau, die man als junger Mann geliebt hat, man vermeide alle Exzesse, man trachte nicht allzu klug zu sein, und bilde sich nicht ein durch eigenes Streben das Schicksal besiegen zu können, doch man ergebe sich wiederum niemals der Narrheit, denn sie bestraft sich fast immer selbst; man sei nicht allzu reich, da der große Reichtum nur Sorgen mit sich bringt, und nicht allzu arm, denn der Arme wird gewöhnlich verachtet; man nehme die Vorurteile der Welt so, wie sie nun einmal sind, und versuche sie weder zu bekämpfen noch zu verbessern. Kurz: man handle immer nach den Gesetzen der Mäßigkeit, wie es einem Philosophen der Mittelwege zukommt, und halte sich von jedem übergroßen Eifer und jedem Mystizismus fern. Unser Autor ist ein vorurteilsloser Gentleinan, zwar gut und edel und großmütig im Grunde seiner Seele, doch mutlos und verbittert durch die Gemeinheit der Zeit und durch die traurigen Bedingungen des menschlichen Lebens. Er möchte ja so gern ein Held sein, — doch Gott lohnt das Heldentum so schlecht, daß man sich wirklich frage» muß, ob man nicht etwa gegen seine Absichten handeln würde, wenn man einen solchen Weg einzuschlagen versuchte. Wonatsschau. An dem frischen Grabe des Fürsten Bismark stehen von tiefer Trauer erfüllt auch die Deutschen jüdischen Bekenntnisses, in deren Kreisen der Heimgang des großen Staatsmannes die schmerzlichste Teilnahme hervorgerufen. Ln gewissen Kreise möchte man den Fürsten gerne nach seiner in den vierziger 'Jahren gehaltenen Rede oder darnach beurteilen, daß er als Realpolitiker den Antisemitismus eine Zeit lang gewähren ließ, in der Meinung durch denselben die Sozialdemokratie erfolgreich bekämpfen zu können. Fürst Bismark, der unsterbliche Held, der im Brennpunkte der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts stand war eine geistig zu hoch angelegte Natur, ein Genius, der in einer Reihe steht mit den großen Geistern aller Zeiten, als daß man ihn in das niedere Parteigetriebe des Antisemitismus herabziehen könnte; unter seinem Regime kam das Gesetz vom 3. Juli 1869 zu Stande welches lautet: „Alle noch be-