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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-10-01 · Heft 10 (1.10.1898) · p. Seite 230

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 10 (1.10.1898)
Date
1898-10-01
Page
Seite 230 (sequence 14)
Language
German
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230 schöpft Traurigkeit wie Trost ausschließlich aus seiner eigene» Seele. Als ein Skeptiker und ein Epikuräer zugleich stattet er sein Werk mit Gefühlsnuancen aus, die es zu einer der reizvollsten und originellsten Schriften machen, die jemals in irgend einer Sprache geschrieben worden sind. Die Grundfabel des Kohelet ist .sehr durchsichtig. Kohelet, ein Sohn Davids, ist ein mächtiger König gewesen. Er hat große Bauten ausgeführt und das Leben in vollen Zügen genossen. Er hat die Weiber und den Wein geliebt und die Weisheit erforscht, — als ein gelehrter Parabvlist und als ein Kenner der Naturgeheimnisse. Das sind Züge, unter denen Geschichte und Legende uns Salomo darzustellen pflegen; kein Zweifel, daß der Autor, dem die Salomo zugeschriebeneu Sprüche bekannt waren, gerade diesen Nachfolger Davids zum Helden gewählt hat. Erschien doch dieser berühmte König als geeignetes Beispiel, um die Aufgabe des Dichters zu illustrieren und die Eitelkeit aller irdischen Dinge zu beweisen. Wer könnte auch besser als Salomo, der die Gipfel des Ruhmes und der Glückseligkeit erklommen hatte, die Vergeblichkeit alles menschlichen Strebens und die vollste Nichtigkeit der Grundlagen der Gesellschaft erkennen? „Alles ist eitel!" Das ist die wohl zwanzigmal wiederholte Zusammenfassung der Weltanschauung des Kohelet. Jeder Abschnitt dieses Werkes enthält die Betrachtungen irgend einer Seite des menschlichen Lebens, doch jede Betrachtung führt regelmäßig zu der immer gleichen, unverineidlichen Schlußfolgerung, zum obligaten Rundreim: „Alles ist eitel!" Diese Schlußfolgerung bekräftigt der Autor durch die verschiedenartigsten Experimente. Sie gefällt ihm so sehr, daß er sie gewissermaßen zum Rhytmus seines Gedichtes macht. Die Welt zeigt ihm eine Reihe von stets gleichbleibenden Erscheinungen, die immer wieder kreisförmig sozusagen aufeinanderfolgen. Kein Fortschritt! — keine Besserung! Die Mißbräuche sind ewig, und das Übel, das man vertrieben zu haben glaubt, erscheint sofort wieder, — und mächtiger als es zuvor war. Kohelet erzählt uns, daß er alles im Leben versucht und alles eitel gefunden habe. Die Vergnügungen, die Macht und der Luxus, ja selbst die Weiber lassen nichts als Bedauern hinter sich. Wozu seinen Geist mit der Wissenschaft ermüden, da der Mensch doch nichts weiß und niemals etwas wissen wird! Wozu die Weiber lieben, diese albernen Geschöpfe, die bösen Geister des Mannes? Wohl dem, der ledig bleibt! — möchte der Autor sagen. Aber der Jnngeselle ist auch nicht besser daran, denn er arbeitet und spart sein Leben lang für die Erben, die er nicht kennt, und denen sein Andenken ganz gleichgiltig sein wird. Schließlich kommt die Freundschaft an die Reihe. Hier scheint der Autor wenigstens einige angenehme Erfahrungen gemacht zu haben. Doch wer könnte Frieden finden in einer Welt, wo das sittliche Gesetz das Gute befiehlt und wo doch alles absichtlich geschaffen zu sein scheint, um das Böse zu ermutigen?

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