Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— . 228 in der Abstammung unterscheiden wir uns von den Germanen, sonst sind wir in allen Punkten wie sie. Das Land, das wir bewohnen, der Staat, dem wir dienen, das Gesetz, dem wir Gehorsam leisten, die Wissenschaft, die uns belehrt, die Kunst, die uns erhebt, sie sind uns alle unterschiedslos gemeinsam. War Kant der epochale Philosoph, etwa kein Deutscher weil er von Abstammung ein Schotte war, ruht nicht auf ihm der Bau der neueren Philosophie in Deutschland? Wer will sie zählen alle, deren Ahnen Wenden, Litthauer, Kassuben, Serben und anderen Völkergruppen entstammten. Im Bezug auf Religion sind alle Germanen semitisch, Juden wie Nichtjuden, denn Semiten haben das alte und das neue Testament verfaßt und Antisemitismus bedeutet Klardenkenden soviel wie Antichristentum. Und wahrlich dieses Semitismus braucht sich kein Deutscher zu schämen. Luther schreibt: „Und wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi, wir sind Schwäger und Frembdlinge, sie sind Blutfreund, Vettern und Brüder unseres Herrn. Darumb wenn man sich des Bluts und Fleisches.rühmen sollt, so gehören ja die Juden Christo näher zu denn wir." Es ist eine feststehende Thatsache, jede Nationalität umfaßt mehrere Religionen und jede Religion umspannt mehrere Nationalitäten und so gut wie von dem Judentum kann man auch von dem Christentum sagen es sei deutsch, französisch, englisch, italienisch u. s. w. Was wir in unserer Zeit verlangen müssen ist Würdigung des Judentums von Seiten der Christen, was wir bieten müssen, Würdigung des Christentums von Seiten der Juden. Diese gegenseitige Verständigung und Würdigung führt zum Frieden und bringt Versöhnung. Nur die Trübung des Christentums und seine Entstellung, die fortwährenden Rückfälle in's Heidentum, die erkennen wir nicht an und unsere hohen reinen unverfälschten Geistesgüter, die geben wir nicht Preis. Wir müssen Juden bleiben, den Blick gewandt auf die Höhe der Menschheit. Unsere Eigenart nach dieser Richtung zu erhalten, unsere Religion geistig zu vertiefen, ist unsere heilige Pflicht. Ewald in seiner Geschichte des Volkes Israel schreibt: „Dieses Volk hat noch heute ein Recht allem verkehrten Christentum gegenüber. Und wie nichts ohne Nutzen ist, so kann und soll das Bestehen des Judentunis auch heute daran erinnern, wie wenig unser eigenes heutiges Christentum schon das ist, was es sein sollte sowohl in der Wissenschaft wie im Leben." Die Wahrheit wächst im Kampfe der Geister und so sehen wir den Bewegungen gegen das Judentum ruhig entgegen, Gefahren bringen dieselben mehr für den deutscheu Volksgeist als für unsere unverwüstliche Glaubensgemeinde. So lange in den Kirchen unsere Psalmen ertönen, so lange Halleluja und Amen durch die Christen-Herzen rauschen, so lange wir unser Judentum geistig erfassen, so lange wird jeder Angriff auf unsere geistige Gemeinschaft zugleich auch eine arge Schädigung des Christentums bedeuten. Hebung des reinen Judentums in den fremden und in den eigenen Augen bleiben die