Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 wissen was Judentum ist und was Judentum will. Vom Geiste der Propheten müssen wir uns durchdriugen lassen, der Geist eines Jesaia, eines Jeremia, eines Amos muß wieder über uns kommen und ein Ende nehmen inuß die Unfehlbarkeit des papierenen Schulchan-Aruch, der den alten orthodoxen Rabbinern, die noch aus dem Quellengeiste schöpften, nie für mehr als für ein ausgezeichnetes Handbuch gegolten, während er den Epigonen und Pseudoorthodoxen zum Gesetzbuch geworden. Zu dem prophetischen Geiste, der unserer Gesinnung die Richtung zu geben hat, muß sich aber in unseren Tagen auch die historische Kenntnis gesellen, die uns Kern und Hülle, Wesen und Form, Sein und Schein scheiden und sondern lehrt. Der historische Sinn, der das ganze Mittelalter hindurch in seiner praktischen Einwirkung auf das Leben gefehlt hat, wir können ihn nicht entbehren, wir müssen ihn wecken, pflegen und beleben. Lazarus der viele Jahre Mitglied des israelitischen Gemeindevorstandes in Berlin war, beklagt es tief — und darin ist er maßgebend — daß neben der Gesinnungslosigkeit sich in neuester Zeit doppelte Gesinnung bei den jetzigen Vertretern der Gemeinde zeigte. Er hält es mit Recht für verachtenswert, Gesetze übertreten und zugleich für dieselben eifern, persönlich alles verwerfen, das Judentum bis auf die letzte Spur in sich anslöschen und dann an maßgebender Stelle sich auf den sogenannten Frommen herausspielen, so daß oft neben absoluter Gleichgültigkeit gegen alle Religion, der äußere, knechtende Buchstabe das Ausschlaggebende geworden. Unseren Mendelssohn nennt er ein Genie der Lebensführung, der nicht nur als das Ideal eines Juden, sondern auch als das eines Menschen gelten kann und in einer Rede über ihn sagt er: diejenigen welche meine», daß sie, weil sie am Buchstaben festhalten, eigentlich berufen oder im Stande seien die Religion zu conserviren, (denen) müssen wir immer wieder zurufen, daß sie im Sinne der Propheten, der wahren Religion entbehren, da sie dieselbe wesentlich in dem äußeren Dienst in dem äußeren Werk suchen und finden. Fragen wir nun welche Stellung und welchen Standpunkt nimmt Lazarus nach außen ein und wir finden eine klare und unzweideutige Antwort hierauf in einem durch Agitationen gegen die Juden hervorgerufenen in Berlin gehaltenen Vortrage „Was heißt National"? Die Bewegungen gegen die Juden gehen wie ehedem auch jetzt von dem Gesichtspunkte aus, der Jude habe eine besondere von ben Deutschen verschiedene Nationalität. Lazarus war es darum zu thun, den Begriff der Nationalität philosophisch festzustellen und aufzustellen. Schon im Jahre 1859 als die Zeitschrift für Volkspsychologie jund Sprachwissenschaft begründet wurde suchte er im Verein mit Prof. Steinthal und Boekh den Begriff Nation klarzulegen. Letzterer erkannte nur in der Sprache das eigentliche Kennzeichen derselben. Nicht die gleiche Alt der Wohnung der Sitten und Gebräuche und das bewohnte Territorium, sondern jdie Mutter-Sprache ist das unverkennbare Band, welchesalle Glieder einer Nation zu einer geistigen Gemeinschaft verknüpft. Nur-