Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-10-01 · Heft 10 (1.10.1898) · p. Seite 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 10 (1.10.1898)
Date
1898-10-01
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969851-2969862--5506-2974810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Man hat inmitten des herrlichen Gartens des Judentums, der im prächtigen Blütenschmucke prankte und herrliche Früchte verhieß, Sümpfe angelegt, die die reine Geisteslnft verpesten. Man hat ans der Krone Israels den köstlichsten Edelstein, die Wahrheit, gebrochen- Man hat prophelenschänderisch wie ehedem in Verfallszeiten gehandelt, man hat Geistesschändung getrieben. Man bekämpfte schamlos das, wofür man früher begeistert eintrat und so wurde der feilen Charakterlosigkeit Thür und Thor geöffnet. Die Theologen und Schriftsteller haben, wenige Ausnahmen abgerechnet, das bischen Mut eingebüßt und es hat unter denselben eine Mattherzigkeit Platz gegriffen, die höchstens noch durch deren Unwissenheit überboten wird. Es fehlten der Heranwachsenden Jugend jene erhabenen Lichtgestalten, die mit dem Glanze ihrer Ideale weite Kreise durchstrahlen. Es fehlen der Jugend jene Kämpen, zu denen sie ehrerbietig anfblicken können und das Judentum ist zum Spiel der Laune und Willkür derer geworden, die heute verdammen, was sie gestern verherrlicht und heute verherrlichen was sie gestern verdammt haben. Und darum haben die Reden von Prof. Lazarus gerade heute bei dem Rückgänge aller besseren Bestrebungen innerhalb des Judentums in Deutschland einen um so größeren Wert und eine um so höhere Bedeutung, als sie uns klar und deutlich zeigen wie weit man von den Bestrebungen und damit auch von den Zielen sich entfernt hat, die die Besten und Edelsten in Israel noch im Anfänge der siebziger Jahre mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft gepflegt und angestrebt haben. Ja gerade in unserer Zeit wo Viele treu zu sei» glaubeil weil sie nicht frei sind und viele frei zu sein wähnen, weil sie nicht treu sind, müssen wir mehr denn je festhalten an der Devise Treu und frei. Nach Lazarus ist das Judentum nichts Veraltetes nichts Abgelebtes, ihm erneut sich von Generation zu Generation der alte Geist desselben und alle Entwicklung und aller Fortschritt, sie klären und vertiefen nur den erhabenen Gedankengehalt und das innerste Wesen des Judentums ohne sie zu ändern. Ein neuer Frühling muß ans den Gefilden Israels hervorblühen und Neubelebung des Judentums muß von seinen tonangebenden Geistern in Wissenschaft und Leben wieder mit Begeisterung und Entschiedenheit angestrebt werden. Was Lazarus in seinem Drange nach Reform abschaffen will, das ist der Jndifferentismns und die Ignoranz, jene zwei Übel, an denen wir kranken, die wir beheben müssen, denn sie sind die gefährlichsten Feinde des Judentums in der Gegenwart, sie haben ihren Ursprung im Materialismus und gipfeln in falscher Frömmigkeit. Um das Judentum ans seiner idealen Höhe zu erhalten, ist es zunächst notwendig, daß man sich mit Festigkeit, mit Entschiedenheit und Freimut ausrüste um einzureißen und aufzubaueu, zu zerstören, weil man aufrichten will. Stets hat Lazarus einen entschiedenen gegnerischen Standpunkt zu jener absoluten geschriebenen Autorität eingenommen, die mau bloß abzulesen braucht,, um zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.