Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 222 — daß er die Gläubigen beneide, die in ihrer frommen Einfalt von keinem Zweifel beunruhigt werden und von der peinlichen Befolgung der Vorschriften ihre Seligkeit erwarten, während die Forscher vom Zweifel geplagt, sich erst ihren Glauben erringen müßten, so war das nur eine vorübergehende pessimistische Stimmung, wie sie auch den ehrlichen kühnen Denker ein oder das andere Mal erfaßt, wenn er von seiner einsamen Höhe auf die gebahnten Wege blickt, die die Mittelmäßigkeit und Charakterlosigkeit ruhig, behaglich und unangefochten dahinwandelt. Während Leon Modena die meisten seiner Schriften eigentlich Anderen in die Feder legte, — es war das die Art, in der er pseudonym zu bleiben liebte, um ruhiger und ungestörter seine Angriffe flihren und seinen Ideen Ausdruck geben zu können —, was ihm mit Recht vielfach übel genommen wird, trat er gegen die Kabbalah und ihre Anhänger, welche damals im Alleinbesitze der Wahrheit zu sein sich anmaßten und im Judentume das große Wort führten, frei und offen auf. Er schnellte gegen diese Art von Judentum vernichtende Pfeile ab, die tief saßen. In unwiderlegbarer Weise beleuchtete er den Aberwitz, die Verlogenheit, die Schwindeleien der Kabbalah und ihrer Grundlehren und bezeichnete sie kurzweg als Lug und Trug, obgleich jüdische Theologen seiner Zeit alle Juden als Ketzer bezeichneten, welche nicht an die kabbalistischen Lehren glaubten. Doch blieb Leon Modena nicht bei der Bekämpfung der Kabbalah stehen, er ging den Schäden am Judentume und ihrem eigentlichen Sitze tiefer nach und so hat er denn auch wacker und tüchtig an der Talmudverehrung gerüttelt, indem er in einem seiner Werke mit ganz besonderer Vorliebe solche Stellen aus dem Talmud hervorhob, die entweder sehr freisinnig oder sehr lächerlich waren, wobei ihm selbstverständlich auch der Satz*) nicht entging, wonach im Judentume das Ceremonienwesen, mit allem was daran und darum ist, einst seine Gültigkeit verlieren werde, denn ihm war die Ausbreitung und Ausweitung des Zeremonialgesetzes in tiefster Seele widerwärtig, besonders wenn es den Geist des Judentums überwucherte, der auch bei den Karäern durch ihren strengen Buchstabenglauben und bei den Christen durch ihre Symbolik nicht zur Geltung gelangen konnte. Aber nicht minder groß war seine Liebe für das reine unverfälschte Judentum, dem er treu anhing mit seinem ganzen Herzen und mit seiner ganzen Seele und die besonders in den Disputen zu Ausdruck kam, die er mit zeitgenössischen Christen geführt und in den Schriften, in welchen er sich über die christliche Dogmatik aussprach. Wir heben nun eines seiner Hauptwerke hervor, in welchem Thesen aufgestellt sind, die sich wie ein fertiges Programm des Reformjudentums ausnehmen, welche er er einem Hamburger Juden marranischer Abkunft in den Mund gelegt und zum Scheine sogar bekämpft hat. Jedoch war es Modena offenbar mehr um die Thesen, als um deren Bekämpfung zu thun. *) Niddah 61b