Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Tode als Rabbiner wirkte, wenn er auch nicht ganz frei geblieben von den Verirrungen seiner Zeit und ab und zu Geistesschwächen zeigte, die ihm als ein unangenehmes Familienerbe anhafteten. In Venedig war er der angesehenste Rabbiner, er war ein äußerst begabter Prediger und Fürsten und Gelehrte lauschten oft in der Shnagoge seinen begeisterten Worten. Die jüdische Gemeinde in Venedig zählte damals an 6000 Seelen und die Mitglieder derselben lebten nicht abgeschlossen von den Christen, wie die Juden in anderen Ländern, sondern sie nahmen vielmehr an den Bewegungen und Strömungen der Europäischen Cultur lebhaften Anteil und pflegten einen regen sozialen und litterarischen Verkehr mit Andersgläubigen. Es ging ein frischer Lllftzug durch das Ghetto von Venedig und seine Mauern waren nicht im Stande Juden und Christen von einanander zu trennen. Jüdische Großindustrielle beschäftigten damals einige Tausend Arbeiter und die Republik verdankte den Juden allein eine jährliche Einnahme von 250000 Dukaten. In Italien ist aus jener Zeit die jüdische Dichterin Debora Ascarelli bekannt und Sara Copia Sallum, welche das Reich des Schönen beherrschte und durch ihre herrliche künstlerisch ausgebildete Stimme allgemeine Bewunderung erregte, lebte damals in Venedig. Sara Copia Sallum, für die Asaldo Ceba ein katholischer Priester, welcher ein biblisches Epos „Esther" geschrieben, in Liebe entflammt, und von der er vergebens hoffte, sie der katholischen Kirche zuführen zu können, Sara Copia Sallum, die dem nachmaligen Bischof Balthasar Bonifacio mit ihrer Schrift „Manifesto" entgegentrat, in welcher sie für den Unsterblichkeitsglauben eintrat, den man ihr vorwarf geleugnet zu haben. Bedenkt man ferner noch, daß der bereits erwähnte College Modenas im Rabbineramte, Simone Luzatto*), der selbst ein freidenkeuder Mann war, der große sozialpolitische und handelswissenschaftliche Kenntnisse besaß, sich auch nicht von der Kabbalah berücken ließ und den jüdischen Zeitgenossen die peinliche Beobachtung der Religionsgesetze und die ihnen eigene übergroße Verehrung für das Altertum zum Vorwurfe machte, die nach seiner Ansicht deren Auge für den Gang der laufenden Ereignisse trübte, so wird man die Geistesrichtung Modenas begreifen, die sich so sehr von der großen Menge seiner theologischen Zeit- und Fachgenossen unterschied und in seinem Wesen, Wollen und Wirken zu Ausdruck kam. Er hatte eben einen anderen Bildungsgang und Bildungstrieb, er besaß einen weiteren Geistesblick in die Vergangenheit zurück und in die Zukunft voraus. Christliche Jünger saßen zu seinen Füßen, der französische Bischof Jakob Plantaoicius und der christliche Kabbalist Jakob Gafarelli waren seine Schüler und er hat sich selbst am besten gezeichnet in seinen eigenen Worten, wenn er schreibt: „Ich gehöre nicht zu den Heuchlern, sondern mein äußeres Verhalten entspricht stets meinem inneren Empfinden" und wenn er auch einmal die Äußerung that, *) 1590-1663.