Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 unbewußt gefolgt, und wo es nötig war, über ihn hinausgegangen zu sein und nur w i r, das was für ihn ein zu überwindender Standpunkt war, als einen für uns überwundenen Standpunkt bezeichnen können. So ist denn die allgemeine große geistige Bewegung im 16 Jahrhunderte doch nicht ganz spurlos an den Juden vorübergegangen und wurden von ihr auch seine Geister berührt. Im Gegensätze zu Deutschland, wo damals alles geistige Leben bei den Juden erstorben zu sein schien, gab es in Italien, der Heimat des Humanismus und in einigen portugiesischen Gemeinden, in welchen reinere Traditionen über das Judentum aus klassischer Zeit sich erhalten hatten, noch Männer, die zu denken wagten, Männer, welche Zweifel im Bezug auf die Lehre des Judentums, wie sie in rabbinischer und kabbalistischer Verunstaltung in Erscheinung trat, nicht nur empfanden und im Stillen mit sich herumtrugen, sondern auch öffentlich in Wort und Schrift zum Ausdruck brachten. Man fing eben an sich nicht mehr wie bisher mit einer nur oberflächlich hergebrachten Kenntnis und Auffassung der Dinge zu begnügen, man spürte überall den tieferen Gründen, den frischen Quellen nach. Wir brauchen nur auf Männer wie Elia Delmedigo, und den College» Modenas in Venedig Simone Luzatto hinzuweisen, welche von dem Gegensatz des talmudisch-kabbalistischen und des biblisch prophetischen Judentums in tiefster Seele überzeugt waren, und einer reinen Geistesrichtung zusteuerten. Leon stammte aus einer ebenso gebildeten wie angesehenen Familie, die aus Frankreich vertrieben sich in Modena niederließ. Sein Großvater war ein berühmter Arzt, der bei Kaiser Karl V. in großem Ansehen stand und sein Oheim war sowohl auf dem Gebiete der jüdischen wie der profanen Litteratnr sehr bewandert und verwendete sich bei Papst Gregor XIII. für die Rettung hebräischer Bücher aus dem Jnquisitionsfeuer. Leon Modena, der große Begabung zeigte, trieb als Kind neben anderen Wissensfächern auch Musik und Latein, in seinem zehnten Jahre predigte er schon, und dreizehn Jahre alt verfaßte er einen Dialog Über Zulässigkeit und Schädlichkeit von Würfel- und Kartenspiel, dem er leider später selbst in Folge von großen Unglücksfällen in seiner Familie aus Verzweiflung verfiel. In demselben Alter dichtete er auch ein Trauerlied über den Tot seines Lehrers Mose Basula in hebräischen uttb italienischen Versen, die gleich lauten, ein phonetisches Kunstwerk, wodurch er seine großen Kenntnisse und eine ungewöhnliche Gewandheit in der Handhabung der hebräischen und italienischen Sprache zugleich an den Tag legte. Herangewachsen beherrschte er wie selten einer das biblische, das talmudische, das rabbinische Schrifttum, war dabei sehr vertraut mit der christlich theologischen Litteratnr, hatte reiche Kenntnisse auf dem Gebiete der Philosophie und besaß dabei ein ganz vorzügliches Gedächtnis. Sehr wohlthätig wirkte auf die Entwicklung seines Geistes seine Vaterstadt Venedig ein, in welcher er bis zu seinem