Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-:-- — 219 — Herzen des Judentums und gar der aus ihm stammende „Schulchan Aruch" mit seinen über 20000 Paragraphen, der leider noch immer nicht aufgehört hat in vielen Kreisen in und außerhalb des Judentums als in Sachen seiner Lehre maßgebend angesehen zu werden. Ist es nicht bezeichnend, wenn im Talmud selb sU) ein Schriftgelehrterd) mit Bezug auf die Worte des Propheten Zacharia') unter dem „Hirtenstab der Verderber" die Weisen des Talmud verstände» wissen will oder wenn gar die Schriftstelle im Buche der Klagelieder^): „In Todesfinsternis hat er mich gesenkt" von einem anderen Schrifterklärer°) dahin ausgelegt wird,, daß damit der Talmud gemeint sei? Zu solch' freimütigen Anschauungen konnten sich allerdings nur die Juden, das klassische Volk der Selbstkritik erheben und es gibt kein zweites Buch in der Weltlitteratur, in welchen über sich selbst ein so vernichtendes Urteil gefällt und durch schriftliche Aufzeichnung zugleich verewigt wurde. Im Mittelalter schreibt Samuel ben Meir^): Unsere Vorfahren hatten in ihrer Frömmigkeit die ihnen zur Natur gewordene Gewohnheit bei ihren Lehren und Vorträgen nur nach Deutungen und nach den sogenannten 45 Regeln vorzugehen und sich der dialektischen Auslegungskunst in ihrer Bibelexegese zu bedienen ohne den natürlichen, geraden, wahren Sinn des Schriftwortes zu beachten und den echten Inhalt der heiligen Schrift zu erkennen, wodurch ihnen das richtige Verständnis der Bibel gänzlich abhanden gekommen ist. Und nun gar die kabbalistische Schichte, die sich später über das talmudische Judentum gebreitet hat und die heute auch vielfach im religiösen Leben der Juden stark hervortritt. Was ich Ihnen meine Damen und Herren bis jetzt vorgeführt habe, aus dem läßt sich ungefähr ein Bild des Judentums im sechszehnten Jahrhundert gestalten, welches.so getrübt und entstellt war, daß es Allem eher, denn der Religion des Mose und der Propheten ähnlich sah, Josef Karo und Moses Jsserls waren die Führer der Zeit, sie haben ihr das geistige Gepräge verliehen und sie einzig und allein hatten zu bestimmen, was Judentum sei, sonst Keiner. Und in solch' trostlosen Zeiten, in welchen das geistige Streben, die reine Gesinnung und das ehrliche Wort zum Schweigen verdammt schienen, lebte ein Mann, dessen eigentliche Bedeutung erst in der Mitte unseres Jahrhunderts durch Veröffentlichung von aufgefundenen Handschriften richtig erkannt wurde, ich meine Leon Modena, geboren im April 157t in Venedig, gestorben als Rabbiner daselbst, Februar 1648, ein Rufer und Mehrer des Lichtes in finsteren Tagen, dessen Worten wir noch allen Grund haben mit Interesse zu folgen, da nach vier Jahrhunderten heute noch die Juden sich nicht zu seinem Standpunkte erhoben haben und nur die hiesige Reformgemeinde für sich das Verdienst in Anspruch nehmen kann ihm ') Synhedrin 24». a) Rabbi Oschajah. ") 11, 7. *) 3, 5. 5; Rabbi Jizchak.