Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1898)
- Date
- 1898-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 - . - -? alter neben seinen falschen auch seine echten Propheten besessen, die mit der richtigen Kenntnis von dem Wesen, der Bedeutung, der Entwicklung und der Mission des Judentums ausgerüstet, der Wahrheit die Ehre gaben und dafür kämpften, daß der freie Gedanke zur Geltung gelange und daß die Religion, der herrliche Gottesfunke, nicht erstickt und ertötet werde. Und wie sollte es auch anders sein, wie sollte auch eine ganze große Religionsgemeinde in deren Mitte einst die gotterteuchteten Propheten gewirkt haben, mit geistiger Blindheit geschlagen sein? Sollte denn, wenn wir vom Altertum unserer Geschichte ganz absehen im Mittelalter ein Saadja, ein Jbn Esra, ein Bachja ibn Pekuda, ein Jbn Gabirol und in der Neuzeit ein Samuel Holdheim, ein Abraham Geiger, ein David Einhorn und wie sie alle heißen die Pfadfinder und Bahnbrecher einer besseren Zeit umsonst gelebt und-gewirkt haben? Standen sie, die Schöpfer der jüdischen Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichtsforschung und der modernen jüdischen Theologie, die uns den Ansgangspunkt, den Entwicklungsgang und die Ziele des Judentums klar vor das geistige Auge rückten etwa außer Zusammenhang mit unserer Vergangenheit, die sie vielmehr erst erforscht und neubelebt haben? Freilich standen diese Männer erst einsam auf der hohen Warte ihres Geistes und hatten manchen harten Kampf zu bestehen, ehe ihre Gedanken und Anschauungen in weitere Kreise drangen und es hatte fast den Anschein, als wären nur einzelne Bergspitzen von der Sonne der Erleuchtung umglüht, während über die weite Niederungen hin dichte Finsternis gelagert war. Doch ehe ich heute meine Damen und Herren in mein eigentliches Thema, in welchem ein Reformrabbiner aus dem sechszehnten Jahrhundert behandelt werden soll, eintrete, will ich zum besseren Verständnis und zur richtigen Würdigung seines Wirkens, das vielfach verkannt wurde, Einiges vorausschicken, woraus uns zugleich klar werden soll, warum auch die heutige sogenannte konservative Richtung unter deren Schatten der Jndifferentismus ruhig zu lagern scheint ihre innere geistige Triebkraft verloren hat.. Wer den Entwicklungsgang des Judentums kennt, für den ist es klar und feststehend, daß sich an dem hergebrachten Judentum ein Welken zeigt, dem keine Verjüngung folgt, denn das ist nicht mehr die reine Lehre des Judentums, sondern eine von tausenden Menschen in vielen Jahrhunderten augehäufte, oft sich widersprechende C ammlung von Traditionen, wie sie zumeist in dem Talmud niedergelegt sind, ein Werk das allerdings unübertroffen und unübertrefflich in seinem ethischen Inhalte auch religionsgeschichtlich von großem Interesse und Wert ist, das aber, wenn für dasselbe religionsgesetzliche Bedeutung, wie dies zumeist noch geschieht, beansprucht unrd, nur als eine Trübung und Schwächung und nicht als eine Aufhellung und Kräftigung der jüdischen Lehre betrachtet werden kann. Der Talmud als Religionsgesetzbuch mit seinen zwölf starken Bänden, mit seinen 7364 Folioblättern lastet wie ein schwerer Alp auf dem