Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- Seite 212 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Ich trat in die Stube ein, und wer malt sich meine Überraschung: Es war ein echtes und rechtes Studentenzimmer, das man füglich „Gelehrtenzimmer" nennen konnte. Zwei große Bücherschränke nahmen zwei Halbseiten des Zimmers ein, an der dritten, der Thüre gegenüberliegenden, stand ein Schreibtisch, und vor ihm saß ein Herr, der sich bei meinem Eintritte erhob und sich mir als Dr. Leeb .... vorstellte. Dr. Leeb war ein Mann von etwa dreißig Jahren. Ein schwächlicher Körper trug einen ungemein vergeistigten Kopf, einen Gelehrtenkopf mit feingeschnittenen Zügen, welche heute durch eine gewisse, offenbar von langem Nachtwachen herrührenden Müdigkeit noch mehr fessellten. Dr. Leeb .. . ., der, wie ich mich jetzt erinnerte, Docent an einer polnischen Universität war, teilte mir mit, er sei zum Besuche der Eltern gekommen, um Familienangelegenheiten zu ordnen. Ich nahm Gelegenheit, ihm in herzlicher Weise zu der allgemeinen Anerkennung zu gratulieren, die sein Buch über die Jagellonen bei der gesammten Kritik erfahren hatte. Dr. Leeb schien darüber freudig bewegt, aber es mochte sich noch ein anderes Gefühl in seine Freude gemischt haben. „In einem polnischjüdischen Mauthhause eine Gelehrtendisputation!" sagte er bitter lächelnd, und als Moische die usuelle Kontuszowka brachte, entspann sich wirklich ein Gelehrtendisput in aller Form. Ich hatte Gelegenheit einen tief und universell gebildeten Gelehrten kennen zu lernen, der sich dem Studium der ereignisreichen, unglückseligen Geschichte Polens ganz gewidmet zu haben schien. Beim Abschied lud ich Dr. Leeb ein, mich in der nahen Schloßbibliothek möglichst bald zu besuchen. „Vielleicht!" sagte Dr. Leeb und erwiederte herzlich meinen Händedruck. * * * Es war am Tage nach meiner Begegnung mit Dr. Leeb. Ich arbeitete in der Bibliothek. Auf eiumal! es war gegen 10 Uhr Vormittags, hörte ich lautes Stimmengewirr, ein Lärmen und Gepolter draußen in den Corridoren. Ich öffne die Thür, die zum Bibliothekssaal führt, und herein tragen vier ruthenische Bauern auf einer Bahre die Leiche eines städtisch gekleideten Mannes, in dem ich auf den ersten Blick meinen Gesellschafter von gestern, Dr. Leeb erkenne. „Um Himmels willen, was ist hier geschehen?" rufe ich, als ich mich von dem sprachlosen Entsetzen erholt habe. „Der Herr ist im Park erschossen worden" erwiederte einer der Bauern, „er war schon tot als wir ihn fanden. Er hat sich mit einem Offizier duelliert". Als ich beim Mauthhaus nächsten Tages vorbeifuhr, ließ ich den Wagen halten. Moische kam auf mich zu. Ich erkannte ihn schier nicht mehr. Er war einem achtzigjährigen ähnlich. „Moische", rief ich, „wie hat sich das Unglück zugetragen."? „Herr Bibliothekar", erwiderte Moische mit seinen Thränen ringend, „wie wird sich das zugetragen haben? Mein Sohn liebte die Komtesse B. und wurde