Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Orten wider die Überlieferungen und Satzungen eiferte, so waren diese Beschuldigungen doch eigentlich nicht gegen die Kirche und ihre wahren Überlieferungen gerichtet, sondern nur die gegen großen Übertreibungen jenes ursprünglich zwar aus frommer Absicht eingeführten, aber immer drückender gewordenen Codex gemeint, welcher bloß ein menschlicher Mißgriff keineswegs aber ein positives Verbrechen der Kirche war. Wenn Christus den Pharisäern Heuchelei und andere Jrrtümer und Verstöße gegen die reine Sittenlehre vorwirft z. B. daß sie am Sabbat alle Liebeswerke untersagten; oder einem Sohne erlaubten seine Eltern darben zu lassen, so er das zu ihrer Ernährung bestimmte Geld in den Opferkasten lege, so sind dieses blos Ausartungen einzelner düsterer, fanatischer Pharisäer (Pruschim), nie aber die allgemeine Lehre der ganzen Kirche gewesen. Wenn auch die Kirchenväter es in aller Strenge und Ängstlichkeit übertrieben — welches kein positiver Irrtum gewesen — so hat man doch niemals von Seiten der Kirche die Heuchelei und den Lippendienst förmlich gelehrt; oder das heuchlerisch übertriebene Wesen so vieler Pharisäer gebilligt. Im Gegenteil unterscheidet der Talmud selber den echten Pharisäismus von seinen Ausartungen und verdammt letztere (die er als „Schleicher", „Scheinheilige", „Augenverdreher", „Ruhmsüchtige", „Sold-und Lohnliebende" geißelt) Traktat Sota III, Abschn. (ibicl. § 309.) „Über den Sabbat erklärt sich der Talmud sehr bestimmt in folgenden Ausdrücken : „Der Sabbath ist in euren Händen, und ihr nicht in seinen Händen, denn es heißt: Der Sabbath ist für Euch." So gebietet der Talmud daß man sogar am Versöhnungstage (dem strengsten aller Fasttage) einem Menschen, der von Schwachheit oder Heißhunger befallen worden in Ermangelung reiner Speisen selbst mit unerlaubter Nahrung laben dürfe. Auch wird jede Arbeit am Sabbat erlaubt, wenn sie zur Errettung von Menschen unumgänglich notwendig ist. Dieses beweiset offenbar, daß die im neuen Testamente angeführten Beschuldigungen nur einzelne Pharisäer, keineswegs aber die Sittenlehrer selber betrifft. Von jenem Opfergelde findet man übrigens nichts im Talmud erwähnt, (ibid. § 310.) „In der That hat kein Volk in der Geschichte so schreckliche und so lang anhaltende Verfolgungen erlitten als das jüdische: Dieses Volk der Völker." „Der nächste Grund zu den großen oft unmenschlichen Verfolgungen, welche die Juden erlitten hatten, lag teils in dem blinden Fanatismus und der Habgier der Völker, so wie in dem der verdorbenen menschlichen Natur ganz eigenen böswilligen Zug, einen Gegenstand der Verachtung nnd Bedrückung haben zu wollen." „Was ihnen dabei aber immer Trost und Mut gab, war der Gedanke, daß sie für den Glauben des einzigen Gottes als Märtyrer litten. Was nun insbesondere die feindseligen Gesinnungen der Juden gegen die andern Völker betrifft, die großentheils selber von letzteren hervorgerufen worden, so sollten wir Christen denken, wie schwer es uns selber fällt, obwohl wir die Kraft hiezu im Heilande finden können, unsere Feinde zu lieben und die zu segnen, die uns fluchen. Indessen