Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-09-01 · Heft 9 (1.9.1898) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 9 (1.9.1898)
Date
1898-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969851-2969861--5482-2974785
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

203 Iranz Wokitor über den Tatmud?) Da es bei den Alten keine rein abstrakte Begriffstheorie gab, sondern alles praktisch erlebt und praktisch behandelt wurde, so konnte man keine solche formale Scheidung, sondern alles floß lebenig in einander über. Unter dem Talmud darf man sich daher keinen Codex vorstellen, worin bloß die einfachen Gesetze und die nach gewissen Regeln erfolgten Decisionen der Kirchenvorsteher über die controversen Fälle aufgestellt sind, sondern es wird meistens der ganze Streit sammt den Gründen für und wider weitläufig beschrieben, wobei nicht selten die kleinsten Nebenumstände vorkamen, wo und bei welchen Gelegenheiten derselbe geführt worden. Kurz im Talmud hört man die Personen reden, man sieht sie handeln und wirken und wird sozusagen mit ihrer ganzen Lebensgeschichte bekannt. Bei Gelegenheit selbst angeführte Controversen stellen sich freilich oft die sonderbarsten und absurdesten Ansichten einzelner finsterer Personen, die namentlich den Talmud bei seinen Gegnern in solchen üblen Ruf gebracht, der aber doch eigentlich die Urheber solcher Meinungen und keineswegs die jüdische Synode (welche die Freiheit der Rede und der Meinungen auf's Strengste achtete) selber angeht, welche in der Regel die Gegenstände ganz anders entschied. Obwohl die Bestimmung des Talmuds eigentlich blos auf das ausübende Gesetz gerichtet ist, so hatte man doch damals den Begriff des Gesetzes in solcher Nacktheit abgezogen und wie es später geschehen, von allen Zuthaten entkleidet. Daher fanden sich hier bei dem Unterrichte über das auszuübende Gesetz eine Menge moralischer, mystischer, historischer und naturwissenschaftlicher Erklärungen vermischt mit allerlei Parabeln, Allegorien und Erzählungen, welche gleichsam (die innere) lebendig machende Seele des ganzen bildeten. Was aber freilich in der neueren Zeit, wo man das Verständnis für alles dies verloren, den Talmnd gerade in den höchsten Verruf gebracht hat. (Philosophie der Geschichte B. I. Münster 1857. §. 44). „Hatten etwa damals falsche Lehren die Kirche Israels verdorben oder unsittliche Prinzipien ihren Weg verkehrt? Nein, keiner solchen Art kann die alte Kirche beschuldigt werden, weder in den Dogmen noch in der Sittenlehre, sondern die Ursache liegt weit tiefer verborgen. Obwohl der Heiland zwar in verschiedenen *) Molitor geb- 8. Juni 1779 zu Oberursel wurde am 16. Dezember 1807 auf drei Jahre zum Inspektor und Oberlehrer am Philanthropin in Frankfurt a. M-, gegründet 1804 angestellt und wirkte seit 1808 gleichzeitig als Lehrer für Geschichte, Geographie und Physik am katholischen Gymnasium. Im Jahre 1828 trat er in den Ruhestand und starb am 23. März 1860 in Frankfurt a. M. Er war einer der hervorragendsten Gelehrten der katholischen Christenheit und die „Wiener Kirchenzeitung" vom 11. April 1860 nennt ihn „einen der vollgiltigsten Autoritäten über Judentum und Christentum." Vorliegende Auszüge bilden einen Teil einer uns vorliegenden Arbeit: Kirchenväter und christliche Gelehrte über Talmudjsten und Talmud vnn A. Löwit. Siehe Monatsblätter Jahrg. 6. S. 230.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.