Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 stets treu anzuhangen und nie unter uns in Vergessenheit kommen zu lassen, was er mit uns, was er für uns Großes und Edles gewirkt und geleistet. Und noch mehr als zu dankbarer Erinnerung sind wir zu etwas Anderem und Höherem dem scheidenden Freund gegenüber verpflichtet. Wo immer aus einem organischen Zusammenwirken geistiger-sittlicher Kräfte eine wichtige Kraft ausscheidet, da entsteht eine Lücke, eine schmerzliche Lücke, die dem ganzen Organismus kühlbar wird. Diese Lücke kann nicht durch das äußere Einfügen eines neuen Gliedes ausgefüllt, sondern muß von innen heraus organisch ersetzt werden, durch einen Zuwachs von Kraft, welche jedes einzelne Glied in sich selbst höher zu enfalten sucht. Soll nun, meine Freunde, der Verlust, den wir durch den scheidenden Freund erleiden, ersetzt werden, so müssen wir alle, so viel an uns ist, so viel Kraft und Mut und Begeisterung und Liebe und Gottesfurcht für unsere heilige Sache in uns wecken und Hervorrufen, daß der Verlust durch uns selbst gedeckt und ersetzt werde. Und das ist namentlich, wozu wir uns heute ermuntern müssen. Wir können in die schmerzlichen Gefühle des scheidenden Freundes keinen trostreichern Balsam träufeln, als indem wir ihm und uns geloben, daß durch sein Scheiden keine Lücke in unfern Bestrebungen entstehen, daß die heilige Sache, für die er mit uns erfolgreich gewirkt, durch seinen Abgang keinen dauernden Schaden erleiden solle. Dann wird wie sein Kommen auch sein Scheiden gesegnet sein vor Gott; dann können wir, wenn gleich mit schmerzlich gerührtem, so doch mit getröstetem Herzen die Bruderhand ihm darreichend, ihm zurufen: Gesegnet warst Du bei Deinem Kommen, gesegnet bist Du bei Deinem Scheiden! Heiliger Gott! Deinen besonderen Vatersegen erflehen wir heute für den aus unserer Mitte scheidenden Freund Dr. Sigismund Stern. Seit länger als zehn Jahren hat er seines Geistes edelste Thatkraft den heilvollen Bestrebungen dieser Gemeinde geweiht und eine segensreiche Thätigkeit für das Erstehen und Erblühen ihrer Institutionen entfaltet. So möge ihm denn eine Stätte dankbarer Erinnerung im Herzen dieser Gemeinde errichtet sein, und er im Ge-, fühle von uns scheiden, daß sein Gedächtnis unter uns nie erlöschen, durch das Band der Liebe und Versöhnung ewig mit uns im Geiste verbunden sein wird. Segne ihn vor Allem mit reichem Familienglück und ungetrübter Familienfreude, daß er auch fürder seine Kraft für gemeinnütziges Wohl entfalten könne. Segne ihn in seinem neuen Wirkungskreis, den er unter Deinem Beistand bald antreten wird, daß seine Thatkraft nie versiege und er auch dort durch Wort und Werk segensreich und heilvoll schaffe und wirke zum Wohle der Jugend. Möge sein Ankunft dort wie sein Scheiden hier gesegnet sein vor Dir, o Gott und Vater, und hierauf ertöne aus dem tiefen Herzender ganzen Gemeinde ein tiefempfundenes Amen!