Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 195 — auf diese Fragen: So haben es unsere Weisen angeordnet. Wer die Weisen waren, wann sie lebten, wozu sie das angeordnet haben — waren sie nicht unsere Weisen, weil wir ihre Narren sind — frägt sie nicht, sie verdammt blos jeden, der eine solche Frage sich erlaubt. Aber auch dieses Verdammen ist unjüdisch und zeugt von krasser Unwissenheit oder grober Unkenntnis des Talmuds und seiner Quellenschriften. Es ist die Litteratur, die sie zu kennen vorgeben, und diese verstehen sie erst recht nicht. König Salomo, Rabbi Joschua ben Chananiah, und Moses Maimonides waren in ihrer Zeit die durchgreifendsten Rationalisten. Wer wagt es, diese oder Ahraham iben Esra, Baruch Spinoza, De Rossi oder Levitta zu verdammen. Hillel behauptete, Israel habe keinen Messias, wer hat ihn verdammt. Was haben die Herren Rabbis im Talmud nicht alles behauptet und ausgesprochen, ohne von ihren Zeitgenossen und Nachfolgern dafür verdammt zu werden. Den heurigen orthodoxen Rabbis würden vor Entsetzen die Haare zu Berge steigen, wenn man ihnen die ketzerischen Aussprüche im Talmud und Midrasch vorlegen würde. Am schlimmsten in dieser Richtung hat es Rabbi Jehuda Hannasi, den die ganze Orthodoxie „unseren heiligen Rabbi" nennt, getrieben. Er hat nicht nur in vielen Fällen Entscheidungen und Schrifterklärungen abgegeben, die von seinen Zeitgenossen verworfen wurden, er hat nicht nur das Zehntgesetz aufheben wollen, wenn er nicht von Rabbi Pinchas ben Jair daran verhindert worden wäre,, er hat nicht blos den Fasttag am nennten Ab abschaffen wollen, sondern auch den Fasttag mit allen daran gruppierten Observanzen vom zehnten Tag in Tischri wollte er verwerfen und erklärte: der Jom Kippur seist ohne alle Observanzen — wie das deutlich im „Saphra" zu „Behar" ausgeführt ist — bringt die Versöhnung und erklärte wohl auch: „Wer am neunten Tischri gut ißt und trinkt, ist so verdienstvoll, als hätte er am neunten und zehnten Tag gefastet". Das haben freilich seine Zeitgenossen alles verworfen, aber verdammt hat Niemand den Erzreformer, im Gegenteil nennt ihn die ganze Orthodoxie in aller Welt heute noch: „Unfern heiligen Rabbi". Also ist das Verdammen der jetzigen Reformer von der heutigen Orthodoxie unjüdisch, ungerecht, unwürdig und beweist, daß die ganze plumpe Orthodoxie auf Unwissenheit, Einbildung und Gewohnheit beruht. Wir fühlen uns nicht berufen, mit der Orthodoxie zu streiten oder zu rechten, die Schreier, die immer und immer wieder die Reformer anklagen und verurteilen, vor das Forum der Öffentlichkeit zu rufen, ihnen den Standpunkt klar zu machen, fühlen wir uns allerdings berechtigt, und das haben wir hier versucht. Deborah.