Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1898)
- Date
- 1898-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 194- Leute der verschrobenste und entstellteste Typus des altehrwürdigen Judentums zu sein. Das sind gerade diejenigen, die bei jeder Gelegenheit den Reformer aus dem Jndentum Hinausweisen möchten. An Belegstellen für diese Anschauung fehlt es auch im Talmud nicht, weniger noch in der Geschichte des Judentums und am wenigsten in der Praxis in unserer Zeit. Die Orthodoxie behauptet, der Jude, um seine Pflicht gegen Gott zu erfüllen, müsse zur solchen Zeit diese und keine andere Gebete in der hebräischen und in keiner anderen Sprache stehend oder sitzend so und nicht anders hersagen oder ablesen. Warum? fragt der Reformer. In der Bibel ist nichts von dieser Verordnung zu finden, als daß Daniel dreimal des Tags gebetet und der Psalmist wiederholt dies als seinen eigenen Brauch, das Was, Wie oder Wann ist nicht angegeben, obwohl die Gottesverehrung in den Zehngeboten als Pflicht angedeutet ist. Im Talmud sind wohl solche Bestimmungen angegeben, aber in demselben Talmud wird auch behauptet, daß in der Zukunft alle Opfer mit Ausnahme des Dankopfers, und alle Gebete, mit Ausnahme des Dankgebetes sollen abgeschafft werden. Von allen vorgeschriebenen Gebeten findet sich im Talmud nicht genug vor, um zehn Druckseiten zu füllen und der orthodoxe Jude muß all' das hexsagen, was auf circa zweitausend Druckseiten kaum wiedergegeben werden kann. Im Talmud werden schon syrisch-aramäisch-griechische Gebete aufbewahrt, der Orthodoxe von heute muß aber nur hebräisch beten, gleichviel, ob er etwas davon versteht oder nicht. Er muß sogar so singen, wie die Väter es gethan. Er darf sein Haupt nicht entblößen, obwohl in der Mischna es ausdrücklich ausgesprochen ist, daß man entblößten Hauptes in den Tempel zu Jerusalem kommen dürfte bis hinter den Altar. Er darf keine Musik im Gotteshause haben, obwohl in allen Ecken und Enden der heiligen Schrift von der Tempelmusik die Rede ist. Der Chronist meldet Levitentöchter als Sängerinnen im Tempelchore und der Psalmist gedenkt ihrer ausdriicklich in den Festchören; der Orthodoxe von heute darf keine Frauenstimme im Gotteshause hören, er muß die Frau von allen Observanzen in der Synagoge ansschließen und Gott danken, daß er nickt als Weib geboren wurde. Was ist wohl der Grund aller dieser Verkehrtheiten, wenn nicht Unwissenheit, Einbildung und Gewohnheit, oder das ganze Trio? Geht man auf die bis zur Lächerlichkeit anfgebauschten Speisegesetze ein, wovon weder Moses noch die Propheten eine Ahnung hatten, von denen überhaupt in den jüdischen Quellenschriften vor der Zerstörung Jerusalems nirgends die Rede ist, und sieht man sich dann die heutige Orthodoxie an mit ihrem religiösen Speisezettel und ihrem heiligen Kochbuche im Namen Gottes, muß man auf dieselbe Frage geraten: Jst's Unwissenheit, Einbildung oder Gewohnheit, das diese seltsame Erscheinung hervorbringt? Woher und wozu haben spätere jüdische Thierärzte all das erfunden, wie würde es in's Volke hineingetragen, und wie ist das alles ein so starkes Stück Orthodoxie geworden? Die Orthodoxie antwortet