Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1898)
- Date
- 1898-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 einfach: „Herr von Rothschild, ein armer Hausierer vermacht Ihnen seine sieben Kinder. Sie werden sie nicht verderben lassen". Der Gemeindevorsteher war wie aus den Wolken gefallen. „Ist das ein Einfall" murmelte er dann, „dem Rothschild seine Kinder zu vermachen! Der wird sich bedanken für so ein Legat. Der Abraham muß nicht bei Tröste gewesen sein." Was war zu thun? Der Gemeindevorsteher trug die Sache den Ortsältesten vor. Einer sagte dies, der Andere jenes, aber zuletzt kamen sie alle darin überein, daß man den letzten Willen des Verstorbenen ehren und den Brief an Herrn Salomon Meier Rothschild absenden müsse. Und so kam denn Herr Baron Salomon Meier Rothschild eines schönen Morgens auf seine Schreibstube und fand nnter anderen Briefschaften auch das Legat des Hausierers Abraham. Rothschild deliberierte nicht lange. Er ließ einen Buchhalter rufen und sprach: „Da, sehen Sie, was ich für ein Glück gemacht habe. So eine Erbschaft habe ich mir nicht träumen lassen. Aber was der Herr uns bescheert, das darf man nicht zurückweisen. Machen Sie sich sogleich fertig, nehmen Sie an Geld mit, was Sie glauben und fahren Sie hin in das galizische Nest. Lassen Sie die sieben Rangen gehörig waschen und kämmen, kaufen Sie ihnen saubere Wäsche und Kleider und bringen Sie mir sie her. Das Weitere wird sich finden." So kamen die Kinder Abrahams nach Wie» und wurden die Adoptivsöhne und Töchter von Baron Salomon Meier Rothschild. Abraham hatte keine Fehlbitte gethan. Rothschild versorgte die Sieben so gut, daß Abraham im Paradiese seine Freude daran gehabt hätte, wenn er sie hätte sehen können. Er ließ die Kinder auf das Beste erziehen, machte aus den Knaben tüchtige Geschäftsmänner und verheiratete die Mädchen, wobei er es natürlich an einer Aussteuer nicht fehlen ließ. Eine davon war die Frau des Bankiers Goldsand, der lange Zeit hindurch in Wien ein sehr lukratives Geschäft betrieb, bis er in Folge unglücklicher Spekulationen fallierte. Aber nur wenige wußten von der edlen Handlung Rothschilds, der seine Wohlthaten ebensowenig an die große Glocke zu hängen pflegte, wie seine Geschäfte- In dem galizische» Dorfe aber sprach man lange von nichts anderem als von dem Testamente des alten Juden, und wenn die Pfarrersköchin Besuch bekam, war es das Erste, daß sie die wunderbare Geschichte erzählte von dem Hausierer Abraham und seinen sieben Kindern, die Rothschild zu sich nach Wien genommen.