Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-07-01 · Heft 7 (1.7.1898) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 7 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
Seite 167 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2969669-2969851-2969859--5444-2974745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 167 — Wie die übrige Länder Europas, die durch den Judenhaß sich beschmutzt haben, ist jetzt Frankreich für unsere Gesellschaft als verloren zu betrachten. Glaubt ihr denn, daß in Frankreich nicht mehr als 70000 Juden wären, wenn sie dort lange Zeit hindurch nicht gerecht und liebevoll behandelt worden wären? Es wären ihrer Hunderttausende. Aber in der Freiheit lernten sie das Christentum kennen und nahmen die Lehre Jesus' an. Jetzt ist den Missionären für lange Zeit die Thüre verschlossen. Ein Mensch wird wegen Landersverrats verurteilt. Sofort wird das Schlagwort ausgegeben: Die Juden sind Vaterlandsverräter. Nur deshalb weil der angebliche Verräter ein Jude ist. Als gäbe es gar keine christlichen Verräter. Aller Verrat, der bisher in christlichen Staaten verübt wurde, sagen die Juden, ging von Christen aus. Juden konnten keinen Verrat üben, weil sie nicht in der Lage waren, es zu thun. Die Familie des Verurteilten ist mit allen Mitteln bestrebt — was nur lobenswert ist — den ihrer Meinung nach unschuldigen Mann und seine Ehre zu retten. Hierauf die Antwort: Christen plündern jüdische Geschäfte. Die Frau des Alfred Dreyfuß und dessen Bruder Matthieu setzten alles daran, den Verurteilten zu rehabilitieren. Die Antwort hierauf: Christliche Männer Hetzen den christlichen Pöbel gegen die jüdischen Geschäfte in Algier. Die Juden des katholischen Frankreichs blicken nun nach Rom hin. Der Einfluß Roms auf die Franzosen ist ja jetzt sehr groß. Sie erwarten eine geharnischte Verwarnung von dein Statthalter dessen, der da sagte: Verfolget nicht die Juden, denn von ihnen kam das Heil — und siehe, im officiellen Organ des Vatikans erscheinen auch die Artikel, in denen die frommen Christen angeeifert werden die Juden nur zu schlagen und zu plündern. Es ist ein gottgefälliges Werk. Haben doch die Juden den Erlöser gekreuzigt. So lange man die Juden in Ruhe ließ, nahm der Vatikan Stellung gegen den Antisemitismus, jetzt, da man sie verfolgt, tritt er als antisemitischer Agitator auf. Kann der Jude unter solchen Umständen die christliche Sittenlehre achten? Der Jude hält nun Umschau, ob denn wirklich der Christ soviel höher stehe als er, was man doch immer wieder behauptet. Diejenigen, die ruhig zusehen können, wie unschuldige Menschen gequält, erniedrigt und ausgeplündert werden und nur bedauern, daß dieses Beispiel nicht überall Nachahmung findet, (wie das in diesen Tagen mehrere klerikale Blätter gethan) stehen sie in sittlicher Beziehung nicht tief unter den Juden? Ist diese Gesellschaft und die Religion, der sie angehören, berechtigt — so frägt der Jude — mich bekehren zu wollen, daß sie aus mir — wie sie sagen — einen bessern und sittlicheren Menschen machen? Mögen sie sich doch bekehren und mögen sie vor allem Menschen werden. Warum eigentlich werde ich verfolgt? fragt der Jude. Daß wir in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.