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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-07-01 · Heft 7 (1.7.1898) · p. Seite 160

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 7 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
Seite 160 (sequence 16)
Language
German
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160 drang. Und diese Stimme, die hier erklang, war der schönste, erhabendste Gesang, den ich je in meinem Leben hörte. Huldvolle Worte der gekrönten Häupter, das Lied der Patti, die Schallvibrationen so mancher Demosthenese verwischten sich in meiner Erinnerung, aber diese Stimmen — niemals. Nirgend und niemals in den vier Weltteilen, nicht in der Peterskirche, nicht in der Sophienmoschee, nicht in der Pagode zu Madura, nicht in dem Tabernakel der Mormonen haben die Betenden einen solch tiefen Eindruck auf mich gemacht, wie die Thränen der armen Juden — weil ich es sah und fühlte, daß die zitternde Stimme, der Thränenstrom aus dem Herzen gerechter Menschen kommt, ans dem Herzen, das die einstige Größe seiner Nation, die Sünden der Väter, seine eigenen Leiden mit wahren Worten, mit echtem Gefühle betrauert. Das wahre Wort, das echte Gefühl war es, das mich rührte. Dann sah ich, daß ein armer, in Lumpen gehüllter Jude einem noch ärmeren, elenderen Almosen reichte. Ich, der Christ, der mit Goldstücken in der Tasche dem jüdischen Bettler nichts gab, stand nun beschämt vor dem armen Juden, der sich seines Mitmenschen erbarmte. In meiner Beschämung griff ich in die Tasche und gab mein ganzes Geld bis zum letzten Heller hin. Ich gab meine schöne goldene Uhr hin und kaufte mir eine billige Nickelnhr. Seit 16 Jahren sah niemand eine goldene Uhr bei mir. Die Nickeluhr wird mich immer an die Mauer in Jerusalem erinnern. Und seit jenem Tage nehme ich die Nickeluhr in die Hand, wenn ich fürchte, daß ich mich von der Leidenschaft hinreißen lassen oder daß ich nngerecht sein werde, und meine Erregung — ist vorüber. Das Judentum eine Mel'igion der Entwicklung aus einer Schrifterklärung von Rabbiner Dr N. Brüll s. A. In dem heute verlesenen Thoraabschnitte wurde uns in der Geschichte des Judentums zum ersten Male ein Fall vorgeführt, in welchem ein längst bestehendes anerkanntes Religionsgesetz sich als mangelhaft erwies, als unzureichend, um dem im Volke lebenden Bedürfnisse nach Gottesverehrung gerecht zu werden und daher eine Abänderung, ja teilweise Aufhebung desselben als notwendig befunden, lebhaft -gewünscht und thatsächlich ausgeführt wurde. Gleich nach dem Auszuge Israels aus Egypten nämlich war schon die Vorschrift gegeben, die Bestimmung getroffen worden, daß das Peßachfest, welches zum ewigen Andenken an jenes große Befreiungswerk eingesetzt wurde, alljährlich in der zweiten Hälfte des ersten Frühlingsmonats vom 14. bis 21. Nisan gefeiert werde. Nun stellte es sich aber einmal heraus, daß Manche das allgemeine Volksfest nicht mitfeiern, an der Begehung des erhabensten geschichtlichen Gedenktages nicht teilnehmen konnten, weil das Gesetz dafür die Reinheit, wie sich durch andere Vorschriften bestimmt war,

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