Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1898)
- Date
- 1898-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Liebe und Wahrheit begegnen sich, Haß und Lüge begegnen sich. Einmal zusammengetroffen, bleibt der mit der Lüge verbundene Haß nicht an eiium Punkte stehen, er läßt die Lüge noch weiter hinabgleiten auf der schiefen Ebene, bis sie angelangt ist bei der Ungerechtigkeit; denn die Leidenschaft macht blind die Augen der Weisen und verdreht die Worte der Gerechten. Wie bedeutsam erscheint uns nun der Umstand, daß der Hohepriester in Israel auf seinem Herzen, welches der vom Gottesgedanken gespeiste Quell der Liebe ist, tragen sollte einen Brustschild des Rechtes und daß in diesem Brustschild Edelsteine eingelassen waren, die man nannte „Urim nnd Tumim", d. h. Licht und Wahrheit. Lich und Wahrheit sind kostbare Edelsteine, befestigt am Schilde des Rechtes, der auf dem Herzen ruht. Licht und Wahrheit hängen untrennbar zusammen mit dem Rechte. Verdunkelt Ihr das Licht, verdunkelt Ihr die Wahrheit, dann habt Ihr Edelsteine herausgerissen ans ihrer Fassung und der Schild des Rechtes verwandelt sich in ein wertloses Aushängeschild, das nur diejenigen täuschen kann, die nicht das Licht wollen und nicht die Wahrheit. — Die verletzte Wahrheit zieht das verletzte Recht mit sich in den Abgrund. Damit aber hat man die Grundlage zerstört, auf welcher die staatliche Ordnung ruht, und man darf sich hinterher nicht wundern, wenn in Folge davon das ganze Gebäude in seinen Fugen kracht und wankt. Man hatte eben nicht beachtet, was unser Psalmwort lehrt: „Recht und Frieden küssen sich." Es giebt ja kein Gefäß, das soviel Segen in sich faßt als den Frieden, er ist nicht blos das höchste Gut, sondern die Grundbedingung für alle andere Güter und Gaben, für alle Segnungen, die sich der Mensch verschafft durch den Fleiß seiner Hände und durch die Regsamkeit seiner Kräfte. Aber unser Psalmwort sagt uns, daß der .Friede seine Bedingungen hat, an die er geknüpft ist, daß der Friede zwar ein Gottesgeschenk ist, aber nicht ein solches, das uns in den Schooß fällt, sondern ein solches, das wir uns verdienen müssen durch die Wahrung des Rechtes und das wir verwirkt haben durch die Verletzung des Rechtes, denn Recht und Frieden küssen sich. Wird man sich noch darüber wundern, daß eine einzige Rechtsverletzung so ungeheuere Folgen hat, so verhängnisvolle Wirkungen nach sich zieht, daß schließlich die verletzte Majestät des Rechtes sich erhebt, um Rache zu nehmen an ihren Vergewaltigern, daß in einem Staate, in welchem das Recht nicht Recht bleibt, schließlich der Bürgerfriede gestört erscheint und ein bedenkliches Zucken wie ein Todes zucken geht durch die Glieder des Staates? Wie schön und treffend sagen doch unsere Väter: „auf drei Dingen steht die Welt: auf Wahrheit, auf Recht und auf Frieden." „Und alle Drei sind eigentlich Eins: wo Wahrheit ist, da ist Recht, wo Recht ist, da ist Friede." Und umgekehrt: wo keine Wahrheit, da ist kein Recht, wo kein Recht, da ist kein Friede. — Wir haben nun im Verlaufe unserer Betrachtung die Gottesleugnung, von der wir ausgegangen, auf dem verhängnisvollen Wege ihrer Entwickelung