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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-06-01 · Heft 6 (1.6.1898) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 6 (1.6.1898)
Date
1898-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 der gebildeten Welt. Woher kommt das? Ein Schriftsteller äußerte bei dieser Gelegenheit: „Die europäische Civilisation hat ein glänzendes Haus gebaut, aber das Fundament ist schwach und morsch, sie muß von vorne wieder zu bauen anfangen." Warum muß man wieder von vorne anfangen? Weil diesem Fundament das Fundament fehlte, und das ist die Gottesfurcht. Eine Civilisation, die damit anfängt, nicht blos die Menschenrechte zu verkünden, sondern auch zu verkünden, daß es keinen Gott giebt, mußte schließlich beim Bankerott aufhören, beim Zusammenbruch all dessen, was die menschliche und staatliche Gesellschaft hält und trägt, eine solche gottlose Civilisation mußte schließlich erfahren, was einst Israel erfahren, als ihm die Bundeslade genommen wurde: „dabin ist die Ehre Israel, denn genommen ist die Bundeslade Gottes." Wie haben sie über uns Deutsche gespöttelt als über das Volk der Frommen und Frömmler. Nun, auch wir Deutsche haben eine Civilisation, die sich sehen lassen kann, aber eine solche, der es an der Gottesfurcht nicht fehlt, und darum hat sich an unserem Lande das Wort bewährt: „Nahe ist denen, die ihn fürchten sein Heil, die Ehre wohnen zu lassen in unserem Lande." Unser Psalmwort sagt dann weiter: „Liebe und Wahrheit begegnen sich." Wenn der Liebe die Wahrheit begegnet, wem begegnet dann der Haß? dann begegnet der Haß selbstverständlich der Lüge. Im Verkehre der Menschen untereinander wird niemand leugnen, daß Wahrheit nicht blos das Bessere und Sittlichere, sondern auch das Nützlichere und Klügere ist. Wohl hat bisweilen auch die Lüge ihre Erfolge und die Unwahrheit ihre Trinmphe aber auf die Dauer stellt sich das Zutreffende des Satzes heraus: „Die Lüge hat keine Füße," sie kann nicht bestehen und vorwärtskommen. Das gilt unbestritten im Verkehr der Menschen untereinander. Wie anders im Verkehre der Staaten untereinander. Da gilt es als ein Kunstgeheimnis zünftiger Staatsweisheit, daß das kostbare Gut der Sprache dem Menschen verliehen sei nicht etwa zum Aussprechen seiner Gedanken sondern um die Gedanken zu verbergen uud zu verstecken, denn die Staatsraison ist ein hoher Herr, dessen Gebote heiliger sind als die Gesetze der Moral. Woher kommt es, daß man dort, wo man keine Ahnung hat von dem Werte und der Bedeutung eines deutschen Wortes, es wagt, feierliche Erklärungen hochgestellter Staatsmänner als schamlose Lügen zu bezeichnen? Weil es allem Herkommen und aller Ueberlieferung widerspricht, in der Diplomaten» spräche die Wahrheit zu sagen. Erinnert Ihr Euch, daß derjenige Staatsmann, den man den Baumeister des deutschen Reiches nennt, die Kunst verstanden haben soll, seine gegnerischen Zunftgenossen zu täuschen nicht etwa mit der Lüge, sondern >nit der Wahrheit mit welcher er seine Pläne und Ziele aufdeckte, anstatt sie zu verdecken und zu verhüllen? So unbekannt war man auf diesem Gebiete des Verkehrs mit der Sprache der Wahrheit, daß man das offene Wort für ein hinterhältiges Wort nahm und so die Wahrheit sich selbst in eine Falle verwandelte.

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