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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-06-01 · Heft 6 (1.6.1898) · p. Seite 122

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 6 (1.6.1898)
Date
1898-06-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 schast, wir anerkennen keine Politik, die mit dem Glauben im Zusammenhang stehen würde; unsere jüdische Politik ist, daß wir keine Politik haben, keine andere jüdische Politik, als sie der Prophet Jesaia ausgesprochen mit den Worten: „durch Ruhe und Gelassenheit wird Euch geholfen werden, im Stillehalten besteht Eure Stärke." Damit ist nicht gesagt, daß es kein Gemeinsames giebt zwischen der allgemeinen Religion und der allgemeinen Politik. Im Staate, der doch nichts anderes ist als die organisirte Gesellschaft, berühren sich Göttliches und Weltliches, er ist der Hüter der gottgewollten Ordnung in weltlicher Erscheinung. Wenn er das sein soll, wenn der Staat der Boden sein soll, auf welchem die Gottessaat gedeihen und reifen soll, so darf er sich nicht gleichgültig oder gar feindlich verhalten gegen diejenigen Ideen der Religion, welche wir die ewigen Wahrheiten nennen. Diese Ideen und Wahrheiten, welche gemeinsam sein sollen der Religion und dem Staate, finde ich ausgesprochen in einem herrlichen Psalmenworte, das also lautet: „Nahe ist denen, die ihn fürchten, sein Heil, daß die Ehre wohne in unserem Lande; Liebe und Wahrheit begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich; Wahrheit sproßt aus der Erde und Gerechtigkeit schaut vom Himmel, auch der Herr wird geben das Gute und unser Land wird spenden seinen Ertrag." In diesem Psalmworte werden irdische Leistungen gefordert und Gegenleistungen des Himmels dafür in Aussicht gestellt; wie es von der Erde emporschaut, so blickt es vom Himmel hernieder, von der Gottesfurcht ist bedingt die Ehre eines Landes; gebt Ihr die Wahrheit, so gebe Ich die Liebe; gebt Ihr die Gerechtigkeit, so gebe Ich den Frieden. Laßt uns auf Grund dieses Psalmwortes betrachten, was wir als Bürger d.s Staates zu leisten haben, um dafür die Gegenleistung einzutauschen als Bürger des Gottesreiches. Wenn unter Gottesfurcht verstanden wird das Sich-Bewußtbleiben der Grenzen, die uns gezogen sind, nicht blos der Machtgrenzen, sondern auch der sittlichen Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen, ohne herauszutreten aus den Ordnungen Gottes, so ist auch leicht ersichtlich, in welchem Sinne die Gottesfurcht die Grundlage ist nicht blos aller wahrhaften Religion, sondern auch die Grundlage des staatlichen Gebäudes. Unser Psalmwort geht noch weiter mit der Behauptung, daß von der Gottesfurcht, die in einem Lande wohnt, abhängig ist die Ehre, die in einem Lande wohnt. Das widerspricht dem Urteil oder dem Vorurteil der Menschen, welche meinen, die höchste Ehre eines Volkes sei die Civilisation, die es hervorbringt. Ach, wie haben wir uns getäuscht! Haben nicht die Vorgänge der letzten Jahre und insbesondere der letzten Wochen und Monate uns gründlich belehrt, wie herrlich weit wir es mit der Civilisation gebracht? Ein Volk sehr empfindlich in Sachen der Volkslehre, das sich rühmte, an der Spitze der Civilisation zu niarschiren, sehen wir eines schönen Tages sich damit entehren vor den Augen

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