Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1898)
- Date
- 1898-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 113 — Volkes Jakob zu messen? O, könnten auch wir uns tnit der Krone des Märtyrertums schmücken, wären auch wir fähig, für die erhabene Gottesidee uns bereitwilligst zu opfern, die härtesten Verfolgungen und grausamsten Bedrückungen geduldig zu ertragen, ohne dem Glauben der Väter untreu zu werden, dann würden auch wir gleich Jenen einer schönen, herrlichen und glorreichen Zukunft entgegengehen, unzerstörbare Macht besitzen und nicht spurlos aus der Geschichte schwinden." Auch Rabbi Jochanan, einer der berühmtesten Lehrer der talmudischen Zeit, hatte in einem über die Worte des klagenden Jeremias: „Doch erwiedere ich dies meinem Herzen und Hoffnung kehrt zu ihm (Gott) zurück (Klagl. 3, 21) gehaltenen Vortrag diese Idee durch folgendes Gleichnis zu beleuchten gesucht. „Einst schloß ein Fürst mit einer würdigen Frau den Bund der Ehe und machte ihr im Ehevertrage sehr bedeutende Verschreibungen. Einige Zeit später unternahm er eine Reise übers Meer und blieb sehr lange vom Hause weg, so daß man seine Zurückkunst bezweifelte. Die Freundinen der Fürstin besuchten sie oft und riefen ihr, nicht ohne Schadenfreude zu: „Dein Gatte hat dich verlassen und kommt nie mehr zurück". Diese Worte verfehlten nicht, einen tiefbetrübenden Eindruck auf die Fürstin zu machen, sie brach in Thränen aus und jammerte sehr. Sie verfügte sich dann in ihre Gemächer, holte ihren Ehevertrag hervor, und als sie die großen Verschreibungen, die ihr der Gatte gemacht, gelesen, war sie beruhigt und befriedigt, denn sie betrachtete dieselben gleichsain als Unterpfand der Liebe. Nach längerer Zeit kam endlich der Fürst von seiner weiten Reise zurück und rief bei seiner Ankunft ganz erstaunt seiner Gattin zu: „Ich bewundere, meine Tochter, Deine Treue gegen mich, wie Deine seltene Ausdauer!" „Wäre ich nicht," entgegnete sie, „durch die vielen Verschreibungen, die du mir gemacht, von deiner wahren aufrichtigen innigen Liebe und Treue zu mir überzeugt gewesen, wahrlich die Spöttereien und ironischen Bemerkungen meiner Freundinnen und Nachbarinnen würden mich wankend gemacht haben". So verfahren auch die Völker mit Israel. Sie rufen ihm höhnend zu: „Euer Gott hat sich von Euch entfernt, seine Herrlichkeit thront nicht mehr unter Euch." Israel erträgt aber resignirt und gottergeben diese Spottrede, verfügt sich in seine Synagogen und Lehrhäuser, nimmt die Thora zur Hand und liest in derselben die Verheißungen: «und ich wende mich zu Euch, ich breite Euch aus und nehme meinen Wohnsitz wieder unter Euch," (3. M. 26, 9—13), die es besänftigen, beruhigen und ermutigen. Wenn aber die Zeit der Erlösung herannahen wird, wird Gott der Herr seinem Volke zurufen: „Ich bewundere Eure Treue und seltene Ausdauer". Israel antwortet dann: „Herr der Welt, hättest Du uns nicht die Thora mit ihren Verheißungen und herrlichen menschenbeglückenden Lehren verliehen, wahrlich wir wären in Folge der uns von den Völkern, die wir als unsere Freunde und Mitbrüder betrachten, zugefügten