Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1898)
- Date
- 1898-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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,U|ir J1MIIJ.JHI, — 111 — Juden, so seien es doch nicht die Juden in ihrer Cesammthe. Es sei doch nicht das Judentum, welches dafür verantwortlich zu machen sei. Die Hand auf's Herz gelegt und bei sich selbst Umschau gehalten, müsse man vielmehr gestehen, daß auch Christen, viele Christen in derselben Weise sündigen. Wucher werde auch von Christen, und nicht nur erst in der Jetztzeit, in der herzlosesten Weise getrieben, sondern sei im Mittelalter von.auf das schamloseste getrieben worden, so daß Ullrich von Hutten sich veranlaßt sah, lieses Treiben in einem eigens diesen Gegenstand behandelnden Buche, welches den sehr bezeichnenden Titel „Die Räuber" führte, zu brandmarken. Und sei denn das nicht auch Wucher, abscheulicher Wucher gewesen, wenn man bis in's vorige Jahrhundert den Juden jeden Grundbesitz, jede Kunst, außer dem Handel, dem Geldgeschäfte und der Arzneikunst verwehrt, und sie, wenn sie auf diese Weise sich bereichert hatten und zu Vermögen gekommen waren, ihres Vermögens beraubt und aus dem Lande gejagt um sie dann später zum zweiten und znm dritten Male wieder zurückgerufen hat, um sie jedesmal nach kurzer Zeit auf dieselbe Weise wieder wie einen vollgesogen Schwamm auszudrücken? Habe man sie da nicht mit voller Absichtlichkeit zum Handel und zum Geldgeschäfte gezwungen und erzogen? Ist es da zu verwundern, daß sie sich dessen jso leicht nicht wieder entwöhnen können? Und es sei ja gar nicht in Abrede zu stellen, daß sie zu jeder Zeit durch ihre Gewandtheit, ihre kluge Berechnung, ihren Unternehmungsgeist, ihren Fleiß und ihre zähe Ausdauer zur Hebung des Handels und der Gewerbethätigkeit außerordentlich viel beigetrageu und noch beitragen. Ihre Fehler haben wir durch die ihnen zugeteilte Behandlung verschuldet. Man sollte, 'anstatt sie anzuklagen und zu ihrer Verfolgung aufzustacheln, sich lieber ihren Fleiß, ihre Mäßigkeit, ihre Sparsamkeit und ihr musterhaftes Familienleben zum Beispiele und Vorbild nehmen und sich stets gegenwärtig halten, daß sie durch ihre Begabung immer ein wichtiger Faktor in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gewesen und noch sind, dem wir unendlich viel zu verdanken haben. Sie seien es, durch welche eine reine Gotteserkenutnis in die Welt gekommen ist. Das Judentum habe durch die zwei von ihm ausgegangenen Töchterreligionen, das Christentum und der Islam, in den Kulturstaaten des Altertums das Heidentum gestürzt und dem Glauben an einen einzigen unkörperlichen Gott einen weiten Rauni in der Menschheit geschaffen. Und wenn dieser Gottesgedanke auch durch das Christentum, namentlich durch Paulus eine Änderung erlitten habe, so liege doch der Lehre desselben die Idee eines einigen und einzigen Gottes zu Grund. Jesus selbst aber sei noch vollständig Jude gewesen und habe auch nie etwas Anderes sein wollen als Jude. Anerkannt sei es jetzt auch allgemein in der Gelehrtenwelt, wie bedeutend die Leistungen der Juden auf dem Felde der Wissenschaft bereits im Mittelalter gewesen seien, zu einer Zeit, als im übrigen Europa die Pflege der Wissenschaft