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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-05-01 · Heft 5 (1.5.1898) · p. Seite 103

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 5 (1.5.1898)
Date
1898-05-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 Unter den Eigentümern des angeklagten Kapitals befanden sich viele Juden. Wen sollte man anklagen? Das Kapital als solches? Das hätte de» Schreiern schlecht gepaßt und ihren Hintermäimern noch weniger. Da kam die Dreyfußaffaire. Wie bequem, dem ganzen Judentum einen Strick zu drehen, der aus falschen und wahren gegen einzelne Angehörige dieser Religionsgemeinschaft gerichteten Allschuldignngen znsammengestoppelt war! Wie bequem, eine Volksgruppe zur Hand zu haben, die Minorität und deshalb ein brauchbarer Blitzableiter der Bolksleidenschaft und der den herrschenden Gewalten gefahrdrohenden Gährung war, Die Verfolgung der Minoritäten ist aller Brauch. In Frankreich und anderswo. Wie aber sollen wir, die Angegriffenen uns verhalten? Wir können mit Fug gleichfalls an die Wahrheit und Gerechtigkeit appellieren. Wir müssen aber noch mehr thun. als auf diese passive Art unseren Anspruch auf Gleichberechtigung, auf Achtung und Liebe unserer Mitbürger zu begründen. Ich halte es für ganz falsch, daß unsere Zugehörigkeit zum Judentum uns verbieten soll, in eigener Sache das Wort zu führen und dem Wort die That anzureihen. Wie das? Halten wir einen Augenblick inne, ehe wir zur Beantwortung dieser Frage schreiten, und betrachten wir den Juden von ehemals und den von heute. Ter geknechtete Jude ist fast unserer Erinnerung entschwunden. Er lebt noch in den oben angeführten weniger rühmlichen Eigenschaften seiner Rasse, dem Knechtessinn, der Vordringlichkeit, der unterschiedslosen Geldgier eines Teiles seiner Vertreter. Man hat ihn getreten durch Jahrhunderte, er war der heimatlose Zigeuner, den man zurückstieß überall, der Paria, dem man Seßhaftigkeit und Handwerk versagte, der seinen erschacherten Besitz, das einzige Mittel seines Fortbestehens, ängstlich geheim und über alles wert hielt. Ja, dieser Jude findet sich noch da und dort und seine Spuren lassen sich selbst bei Solchen Nachweisen, die das nie von sich selbst zugeben würden. Aber jener Jude ist in der Abnahme begriffen, er hat einem Bruder Platz gemacht, der es wagt, sein Hanpt so hoch zu tragen, wie er darf in dem sichern Bewußtsein getreuer Pflichterfüllung und ehrlichen Strebens. Seine Jugend wurde nur noch wenig vergiftet von dem traditionellen Haß Andergläubiger, er schlug sich tapfer als Soldat, er hielt sich macker als Bürger, wo es galt, ein Opfer zu bringen, war er mit dabei, wo es galt eine Gefahr zu bestehen stand er in der vordersten Reihe. Er schätzte im christlichen Mitbürger den Bürger und Freund, wie man auch ihn in dieser doppelten Eigenschaft schätzte. An Unterschiede der Rasse und des Bekenntnisses wurde kaum mehr gedacht. Freilich, die Dogmeuherrlichkeit auf beiden Seiten erlitt dabei eine schwere Einbuße, man fing an, echtes Menschentuni und eine Sittlichkeit über alle Sitte und ohne das hergebrachte himmlische Lohn- und Strafsystem so gefährlich hoch zu stellen, daß die Orthodoxie jeder Konfession Zeter schrie. Ja, das Schrecklichste schien zu drohen: daß der religiöse Jndifferentismus,

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