Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1898)
- Date
- 1898-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 neu errungene Freiheit noch nicht zu handhaben weiß» der manches ungeschickt und unschicklich anfaßt, weil er noch nicht weiß, wie er es besser machen kann. Aber statt diese Fehler aus ihren Ursachen zu begreifen, statt die vielhundertjährige Übung für diese Mängel heranzuziehen, nützt der Neid eines Teiles der Gebildeten sie als willkommene Handhabe für Verdächtigungen aller Art. Und man streut diese Verdächtigungen, an die man selbst nicht glaubt, die man offiziell abschwächt, um sie offiziös in perfidester Weise zu verstärken, im vollen Bewußtsein ihrer Tragweite aus; man verschmäht weder die offenbare Lüge und Fälschung, noch die hämischste verläumderische Entstellung, um zu seinem Ziel zu gelangen. Neid, Haß und Mißgunst, das sind die traurigen Triebfedern dieser traurigen Verirrung, doppelt traurig, weil Gebildete es sind, die, von solchen Motiven geleitet, die niedrigsten Mittel nicht verschmähen. — Was kümmert sie es, daß die häßlichsten Instinkte, die gemeinsten Leidenschaften dabei wachgerufen werden, was sie, daß die wirklich Edelsten und Besten der Nation sich voll Ekel von diesem Treiben abwenden. Die Herren des Geistes und der Gesinnung, die in selbstsicherer Höhe sich und — den Andern zu beurteilen, sich und den Andern nach ihrem wahren Wert zu schätzen wissen, stehen der antisemitischen Bewegung durchaus antipathisch gegenüber und brandmarken sie als eine Schmach dös Jahrhunderts, als ein Schandmal, unwürdig des Volkes der Denker, unwürdig der Nachkommen eines Lessing. Ihnen schließt sich das Ausland an. Völlig neidlos überläßt man überall da, wo wahre 'Intelligenz und sicheres Kraftgefühl zu Hause sind, dem deutschen Michel das Vorrecht, sich mit Halbasiaten und urteilslosen Chauvins in eine verrohende Verdummung zu teilen. So bietet denn dasselbe Land, das zuerst eine neue Philosophie, wenn nicht geschaffen, so doch begründet und ansgebaut hat, das ferner die Pflanzstätte einer bedeutungsvollsten Geistesthat unserer Zeit, des wissenschaftlichen Sozialismus wurde, auf der anderen Seite das Bild traurigster Mittelalterlichkeit. Ganz anders ist der durch die unglückselige Dreyfußaffaire in's Leben gerufene französische Antisemitismus zu beurteilen. Klerikale Hetzereien und wirtschaftliche Mißbräuche haben diese Sumpfblüte des die französische Republik beherrschenden korrupten Kapitalismus gezeitigt, und gerade an dem französischen Beispiel läßt sich der wirtschaftspolitische Charakter der antisemitischen Bewegung am deutlichsten Nachweisen. In Rußland ist es despotische Willkür, die den Sturm gegen die Juden entfesselt hat, in Deutschland mischt sich der Neid des Bildnngspöbels mit einer gewissen traditionellen Abneigung gegen die Juden und erschwert die klare Erkenntnis der wirtschaftlichen Ursachen- In Frankreich dagegen waren die Juden Jahrzehnte lang geachtete Bürger, Richter, Offiziere. Ihre Gleichberechtigung stand nicht nur auf dem Papier. Da kamen Panama und die Südbahn, da kamen all die traurigen Machenschaften des vaterlandlosen Kapitals.