Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-05-01 · Heft 5 (1.5.1898) · p. Seite 100

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 5 (1.5.1898)
Date
1898-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969851-2969857--5375-2974674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

100 Antisemitismus und Judentum von Henriette Fürth. Wir stehen vor der Wende des Jahrhunderts. Ein unruhiges Hasten charakterisiert die Zeit. Alle Werte werden umgewertet, sogenannte ewige Wahrheiten umhergeschüttelt wie Spreu im Wind. Eine seltsame Erregung hält die Geister gefangen, und die buntfarbigsten Geistesblüten entfalten sich. Der merkwürdigsten eine ist der Antisemitismus. Glaubten wir Kinder des Elektricitätszeitalters an Wunder: Dies müßten wir als eines anstaunen. Wer hätte es sich träumen lassen, als sie heraufzog, die herrliche Zeit, da jeder Tag der Wissenschaft neue Triumphe bereitete, ein jeder dem Kranz der Erkenntnis ein Ruhmesblatt einfttgte, uns freier machte von den Banden traditioneller Formen, dem blöden Wahnglauben des Dogma, der unheimlichen metaphysischen Gespensterfurcht, daß eine Stunde kommen könnte, in der man die niedrigsten Leidenschaften in den Dienst einer Fälschung stellen und versuchen könnte, Menschen, die sich in nichts als der zufälligen Abstammung von ihren Mitmenschen unterscheiden, außerhalb von Recht, Gesetz und Ordnung stellen zu wollen. Nicht öffentlich und nicht gerade zu, obzwar sich hier und da schon Stimmen erhoben haben, die selbst ein solches Vorgehen, eine Ausnahmegesetzgebung und dergleichen anstreben. Im Allgemeinen jedoch bleibt man anscheinend auf dem Boden des Gesetzes und sucht von hier aus den Nachweis zu führen, daß die semitische Race schlecht und verderbt sei durch und durch, daß sie ständig gegen Gesetz und mehr noch gegen Sitte fehle und nichts Geringeres beabsichtige, als eine Verbreitung ihrer corrupten Moral und eine Unterjochung der harmlosen Arier. Und derlei verteidigt man mit der nationalen Phrase, mit einer moralisierenden Beredsamkeit, der besten Sache würdig, und wohl im Stande, weite Kreise einer naiven, urteilslosen Bevölkerung unheilbar zu durchseuchen. Fragen wir nun, wie eine solche Bewegung entstehen und in solcher Weise sich ausdehnen konnte, so müssen wir, wie bei allen wichtigsten Veränderungen unserer Zeit, die Wurzel in gewissen socialen Mißständen suchen. Die Maschine hat ihren Siegeszug durch die Welt gehalten. Die Segnungen, die sie hätte bringen können und sollen, haben sich in der Hand ihres mächtigen Herrn, des Kapitalismus, zum Fluch gewandelt. Zu einem Fluch, der weite Kreise betriebsamer Kleinhandwerker brotlos, weiteste Kreise freier Arbeiter zu willenlosen Sklaven gemacht hat. Auf der einen Seite also eine verarmende, stets mehr niedergedrückte Bevölkerung, auf der andern ungemeffener Genuß, wachsende Macht- und Prachtentfaltung. Das führt naturnotwendig zur Unzufriedenheit, Auflehnung der benachteiligten Kreise. Ein Ausdruck dieser Unzufriedenheit ist auch der Antisemitismus. — Gewisse noch näher zu charakterisierende Kreise haben es verstanden, der allgemeinen Unzufriedenheit mit den bestehenden Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.