Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- 92 — daß Gott die ideelle Grundlage jeder Moral ist, insbesondere - aber derjenigen, welche von unseren Propheten so begeistert und nachdrücklichst gepredigt wurde, und daß es weder einer anderen Religion, noch irgend einem moraldidaktischen Systeme gelungen sei, auf die Lebensweise der Völker so entscheidend einzuwirken, wie der jüdischen Religion und dem ans dem Judentum hervorgegangenen Christentume, was am competentesten Jesus selbst bestätigte, der das Wesen der Religion in folgenden Worten zusammenfaßt: (Marc. 22. 28.) „Das erste ist: Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott. Und du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen,Vermögen." Das Zweite ist: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst " — Seit einiger Zeit werden in der Talmudschnle zu Preßburg Vorlesungen über ungarische Sprache und Literatur auf Grund eines Auftrages des Kultusministers Wlassics gehalten. — Herr Theodor Ritter von Goldschmidt hat im Cultusvorstande in Wien beantragt zur Feier des 50jährigen Kaiserjubiläums 1) ein israel. Siechenhaus 2) mehrere Tempel zu bauen 3) die Geschichte der Kultusgemeinde schreiben zu lassen Nur 1. und 3. wurde angenommen. — Die greise Gattin des Schriftstellers Herrn S. Aohn in Krag, ist verschieden und und unter ehrenden Kundgebungen aufrichtiger Trauer zu Grabe geleitet worden. — Herr Dr. Bendikt Weinreb in Lemberg ist zum Landesgerichtsrat ernannt worden. — Der zweite Zionisten Congreß wird in den letzten Augusttagen wieder in Kasel stattfinden. — Aus der Genizah zu Kairo ist wieder ein interessanter Fund in England ans Tageslicht gekommen — nämlich ein Palimpsest mit zwei Stücken der griechischen Übersetzung der Bibel des Aquila. Der Fund ist wohl die erste nennenswerte Probe der Übersetzung, die unter den griechisch sprechenden Juden mit der Septuaginta wetteiferte. Die Übersetzung ist, wie sich aus den gefundenen Stücken ersehen läßt, so pedantisch wörtlich, daß sie zuweilen beinahe unverständlich ist; nicht eine Silbe des heiligen Textes ist unbeachtet geblieben, jede Partikel in der ihr eigenen Bedeutung beachtet und wiedergegeben. Eine weitere Eigenart dieser Übersetznng ist ihre Behandlung des Tetragrammaton. Aquila hat ihn weder übersetzt noch umgeschrieben, sondern einfach abgeschrieben, und zwar in den alten hebräischen Buchstaben, wie sie sich auf alten jüdischen Münzen und auf der Siloahinschrift finden. Diese alte Schreibart, die man bisher nur auf Stein oder Metall gefunden hat, finden sich demnach hier zum ersten Mal in einem geschriebenen Dokument. Die Anwendung dieser alten Schriftzüge in einem Text des zweiten Jahrhunderts macht es zusammen mit ihrem Vorkommen ans den Münzen des Bar Kochba, eines Zeitgenossen des Aquila. ziemlich sicher, daß die alte Schrift die Einfiihrung der Quadratschrift länger als man annahm überlebte. Den interessanten Fund verdankt man wiederum Herrn Schechter, Dozent der talmudischen Litteratur an der Universität Cambridge, und Air. Burkits.