Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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79 Christliches Empfinden teilt sich uns außer durch die Mittel der Kunst, die diesen Namen verdient, am reinsten durch die Nationallitteratur mit, aus deren Born nicht wenige von uns schöpfen, manche um schöpferisch zu gestalten, in deutschen Genius liebevoll sich versenkend. Einst aber webte an den Quellen des Christentums orientalischer Geist, semitische Begeisterung die goldenen, Völker umspannenden, Völker verbindenden Fäden. — Mit dieser Aussöhnung, die sich natürlich nur auf den ethischen, nicht auf den dogmatischen Christus der historisch gewordenen Kirche bezieht, dürfte die Stellung Deutsch-Israels zum christlich-deutschen Volkstum völlig geklärt erscheinen. Einen verklärenden Sckimmer breitet unsere Zeitgeschichte alsdann über die alte Sage vom enggläubigen Juden von Jerusalem. Der Fluch, den unsere Verfolger selbst, als die vermeintlichen Rächer des „gekreuzigten Judenkönigs,". noch auf die spätesten Enkel, dem Geiste christlicher Versöhnung zuwider, heraufbeschworen, ist dann wohl gebannt — auf's neue segnen sich mit Abrahams Samen die Völker der Erde und Erdenkönige. Wahrlich, das Edle und Ewige des Judentums ist edler und ewiger als das „ewige Judentum." Ahasvers — denn des Ewigen war, ist und bleibt Israel. . . Um große Gedanken und ein reines Herz Gott bittend, nehmen wir an den die Zeit bewegenden Fragen regen Anteil. Vielleicht ist's der Wille der Vorsehung, daß Israeliten an den Entscheidungen, die sich vollziehen werden, Mitwirken, und eine besondere Gnade, daß sie, zum Lohn für geduldig ertragenes Leid, wie mehrmals in der Geschichte, den Entscheidungsaugenblick beflügeln dürfen. Unsere Zeit ist für gesunden Fortschritt, der einen Markstein in der Geschichte des deutschen Volkes bezeichnen könnte, nicht ungeeignet. Eine starke Spannung, in welcher sich die vaterländischen Geschicke bewegen werden, hält die Gemüter der Edelsinnigsten und Thatkräftigsten in Atem. An der Spitze der Nation steht ein kraft- und temperamentvoller, Gerechtigkeit liebender Fürst, der seines schweren Herrscheramtes sich bewußt ist. Erfüllt von Thatendrang, sinnt er in seinem zur Romantik hinneigenden königlichen Geiste, durch glänzende Thaten gleich den größten seiner Ahnen dem Wohle des Reiches zu dienen. Als Prinz von Preußen, von ausgeprägter miltärischer Vorverkennen; wir aber, wie ernste Bedenken wir auch gegen diesen Glauben haben, so ernst, daß viele Israeliten lieber den Tod erlitten haben» denn daß sie sich zu ihm bekannt hätten, wir erkennen die Zeichen, daß er aus der Lehre und dem Leben unseres Volkes entsprungen ist, wir wissen, daß es unwürdig wäre, diesen Sprößling des Sinai mit dem Wahn des Heidentums in eine Reihe zu stellen, und wir ehren die Weisheit Gottes, der durch diese wunderbare Bewegung den Götzendienst gestürzt und die Menschen für eine bessere Erkenntnis gewonnen hat."