Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61 mit dem Urteil, das der Kritiker der gelesensten Tageszeitung ausgemünzt hat, ' « sitzen in den vordersten Reihen der Ranglogen, um zu sehen und gesehen zu | werden, tun sich möglichst vorteilhaft auf dem Heiratsmarkt zu präsentiren und . die sehnsüchtig erhoffte „gute Partie" zu ergattern. Gelingt das, dann geht das ' schöne Spiel von neuem an, gelingt es nicht, dann greift man vielleicht in elfter Stunde noch zum Beruf. Aber ohne Freudigkeit, ohne Hingabe, als herbes Muß, als Herabsetzung empfindend, was froher Selbstzweck sein sollte. Denn man täusche sich nicht darüber, wie die Dinge heute liegen, haben wir mit einer ständig \ sich verringernden Ehemöglichkeit zu rechnen, und wenn wir auch nicht einen . | Augenblick abstehen, die Ehe als den schönsten Und höchsten Beruf des Weibes J anzusehen, so sollte man es sich in einer Zeit, die die Erfüllung dieses Berufes 1 für eine immer wachsende Zahl von Frauen erschwert und unmöglich macht, f angelegen sein lassen, seine Kinder so zu erziehen, daß sie sich neben den Haus- J Haltskenntnissen ein umfassendes Wissen aneignen und sich für irgend einen Beruf f vorbereiten. . <j Dieses Ziel aber, seine Kinder zu harmonisch durchgebildeteu und harmonisch | empfindenden Menschen heranzuziehen, erreicht man nicht, wenn man ihnen i irgend eine berufliche Ausbildung zuteil werden läßt, sondern inan erreicht es j völlig nur dann, wenn mit der vernunftgemäßen Erziehung auch eine Regeneration .j des Familienlebens Hand in Hand geht. Man schaffe sich ein behagliches, wenn f auch bescheiden eingerichtetes Heim, man nehme die Pflege der Kinder, das rJ Zusammensein mit ihnen den Mietlingen ab, man befruchte sie mit Geist von j seinem Geist, man pflanze ihnen sein Fühlen und Denken ein, ehe Fühlen und j Denken den Kleinen zum Bewußtsein kommen. Vorbildlichkeit ist das ganze i Geheimnis der Erziehung und man sei in Einfachheit und schlichter Wahrhaftig-; feit seinen Kindern ein Vorbild. Manche Frau, die von einer guten und tüchtigen : Mutter erzogen wurde, legt in aller Stille da und dort Hand an, auch bei den gröberen Haushaltsarbeiten, aber daß sie etwa Fenster putze, das Stiegenhaus ] kehre oder bei der Wäsche mithelfe; das wagt sie nicht aus Rücksicht auf das; Urteil der Bekannten, aus Furcht, man könne sie in ärmlichen Verhältnissen. glauben. Möge sie es doch wahen, es w«!gen ihr eignes Leben zu leben, ohne Furcht vor dem Urteil anderer, sich selbst genug thun'und Mann und Kindern. Dann wird es vielleicht weniger nervenschwache Frauen geben und weniger lästige Modereisen im Sommer, und Zeit wird sich finden in Fülle, auch den Mädchen eine gediegene Ausbildung, ein selbständiges Urteil und reine Freude am Wissen zu vermitteln. Je gebildeter der Mensch ist, um so freier ist er auch; wer auf der Höhe steht, der richtet den Blick in's Weite und lernt das, was ihm vielleicht früher überwältigend groß oder ungeheuer wichtig vorkam, auf seine richtigen Dimensionen zurückführen. Und wer für's Leben taugt, der taugt auch für die Ehe. Ganz anders