Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber uniform als unmodern. Den prunkenden Räumen entspricht die Lebensweise. Man macht, man empfängt Besuche, man hat einen großen Bekanntenkreis, geht in Gesellschaften, gibt selbst welche, die sich als öde Klatsch- und Abfütterungsveranstaltungen erweisen, findet sich heute in jenem Konzert, morgen in diesem Waldkaffee, je nachdem anch manchmal in einem Vortrag ein, den die Mode für den betreffenden Tag vorschreibt. Stellen sich Kinder ein, so wird ein Kindermädchen oder geht's vornehmer her, eine Kinderfrau oder „Fräulein" genommen, denen die Pflege der Kleinen zufällt. Ist die Mutter sehr gewissenhaft» so stolziert sie vornehm auf der Promenade neben dem zierlich ausgestatteten Kinderwagen her. Kein Gedanke daran, daß sie ihn selbst schiebt, kein Gedanke, daß sie das trippelnde kleine Wesen selbst in die Hand nimmt, das Kindermädchen daheim läßt und unter dem herzigen Geplauder des Kindes unvermerkt die Lehrmeisterin ihres köstlichsten und zukunftsreichsten Schatzes wird. Dem Manne fällt die Aufgabe zu, die Mittel für denthörichten Aufwand herbei zu schaffen, und diese Thatsache erklärt uns das sich sonders in den Großstädten ständig wiederholende Bild abgearbeiteter nervöser Männer neben wohlgenährten, durch das unthätige Wohlleben entnervter Frauen. Tritt der Augenblick ein, in dem das Können des Mannes mit dem an ihn gestellten Anforderungen nicht mehr Schritt halten kann, dann beginnt der Kampf um die Aufrechterhaltung des Scheins, jener trostlose Kampf, der die Menschen aushöhlt, physisch und moralisch und sie immer weniger befähigt, der wichtigsten Aufgabe einer jeden Generation gerecht zu werden, der Erziehung der Jugend, der zukünftigen Generation. Und traurig genug sind denn auch die Resultate solcher Jugenderziehung. Der Knabe freilich wählt sich, wie das von jeher üblich, den einen oder anderen Beruf, und je länger je mehr fängt man in töchterreichen Familien an, einzusehen, daß unsere Zeit gebieterisch auch die berufliche Bethätigung der Frau heischt. Aber nur ungern und nur widerstrebend bequemt man sich zu dieser Einsicht und nicht als eine Pflicht und eine Freude betrachtet man die Arbeit, sondern als eine Last und eine Art Degradation dazu. Mir ist aus meiner Erfahrung ein besonders bezeichnender Fall bekannt, in dem man es als eine schlimme Beleidigung auffasste, daß ich mittellosen Mädchen den Rat gab, in ein Geschäft zu gehen. Sie haben es denn auch glücklich fertig gebracht, geheiratet zu werde», haben mir aber vielleicht heute noch nicht die Beleidigung vergeben. Ja, beleidigt und zurückgesetzt fühlen sie sich, wenn man ihnen zumutet, in ehrlicher Arbeit ihr Brot zu verdienen, ihr Leben anders auszufüllen als mit Tand und Flitterkram, eine andere Bildung sich anzueignen, als die oberflächliche und hohle, die die Tagesmode verlangt. Dabei verstehen und wissen sie alles, beherrschen die Conversation über das letzte Konzert und das neueste Theaterstück