Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 idealen Grundgedanken verloren, und das Streben nach der Ehe stellt sich dar als eine brutale Jagd nach äußerem Glück. „Eine Niete zieht, wer unverheiratet bleibt". Das sagt sich das jüdische junge Mädchen tausendmal eher als ihre andersgläubige Collegin. Eltern, Verwandte, ihre ganze Umgebung bestärkt sie in dieser Auffassung, und so kommt es, daß nur um dem Ledigbleiben zu entgehen, manche Ehe geschlossen wird, die unter ethischen und ästethischen Gesichtspunkten gleich verwerflich ist. Wer ist dafür verantwortlich zu machen. Neben den wirtschaftlichen Verhältnissen, die die Ehe, itttb nicht nur im Judentum zu einem bloßen Kaufvertrag herabgedrückt haben, in erster Linie die Mütter, und dies um' so mehr, als aus diesem einen Schaden manch' anderer erwächst, den man nur allzuleicht geneigt ist, dem gesammten Judentum als Fehler anzurechnen. Wir meinen die Sucht so vieler jüdischer Frauen durch Putz und äußern Glanz zu blenden, ein' Leben über die Verhältnisse zu führen und ehrliche Arbeit als ein Zeichen der Armut zu mißachten. Nicht als ob derartige Zustände nicht auch anderswo zu finden wären. Die Scheinexistenz in ökonomischer, ja in sittlicher und selbst', geistiger Beziehung ist ein Krebsschaden unsrer Zeit, und ihre Ursachen liegen viel zu tief, als daß man sie in einer flüchtigen Besprechung aufzeigen könnte, wenn wir trotzdem von ihr handeln wollen, soweit besonders das Judentum dabei in Betracht kommt, so geschieht dies, weil Freund und Feind sich lange gewöhnt haben, den Fehler des einzelnen Juden der Gesammtheit aufzurechnen, die Untugenden des Einzelnen als Verderbtheit des Ganzen auszuposaunen. In gewissem Sinne ist das gut so. Mahnt es doch jeden, auf den eignen Fehler aufzumerken und im Interesse des Ganzen, auch die Fehler der andern aufzudecken, wo immer er sie findet. Wer aber seinen Fehler erkennt, der hat schon den ersten Schritt gethan, ihn abzulegen. Und so trägt das Uebekwollen unsrer Gegner, das uns zu so gesteigerter Achtsamkeit auf uns selbst zwingt, dazu bei, das Judentum zu regenerieren, und so werden wir, gleich Antäus uns dann am kräftigsten erheben, wenn man uns am tiefsten zu Boden gedrückt glaubt. In diesem Sinne sind die folgenden Betrachtungen angestellt in diesem Sinne mögen sie ausgenommen werden. Wie gestaltet sich in den mittleren Schichten des Judentums, zu denen die Kaufmannschaft das größte Kontingent stellt, die junge Ehe? Wir sehen dabei von den Präliminarien der Eheschließung und dem gegenseitigen Verhältnis der Ehegatten einstweilen ab und finden nun in der Mehrzahl der Fälle, daß die junge Hauswirtschaft sich mit einem äußerst glänzenden Rahmen umgeben hat. Eine Reihe glänzend eingerichteter Zimmer, mindestens fünf, eine „stilvolle" Ausstattung möglichst aus den Händen des bekanntesten Dekorateurs, keine Spur eines persönlichen Geschmacks, gemütvoller Eigenart. Und selbst wo Geschmack und Eigenart vorhanden sind, wagen sie sich nur in den seltensten Fällen hervor;