Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969851-2969855--5331-2974628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schaftlich Bedrückten, haben einsehen gelernt, daß die Zeit vorüber ist, in der es der Frau gestattet war, in behaglicher Beschaulichkeit sich selbst und dem größeren oder kleineren Pflichtenkreis zu leben, in den die Ehe sie hineingestellt hatte, sie erkannten, daß es gilt, mitzuwirken am Webstuhl der Zeit und sie haben die Konsequenzen dieser Erkenntnis gezogen. In den oberen und unteren Kreisen haben sich die Frauen organisiert und organisieren sich täglich, um das weite Gebiet geistiger und wirtschaftlicher Selbständigkeit für sich zu erobern. Nur eine gewisse Schichte des mittleren Bürgertums hat sich bis heute alledem gegenüber gleichgültig, um nicht zu sagen ablehnend verhalten. Das begreift sich leicht Die Not des Lebens bleibt den Angehörigen jener Klasse fern, kein Daseinskampf drängt sie, Fähigkeiten und Anlagen zu entwickeln und auszubilden. Auf der andern Seite ist weder die Erziehung, die ihnen zuteil wurde und wird, noch auch die Bestrebungen und Tendenzen ihrer meist kaufmännischen Umgebung, danach angethan, geistigen Hunger zu wecken und, wenn geweckt, zu befriedigen. Denn gerade hier ist die größte Zahl jener zufrieden, die noch immer das Liedlein singen von der Frau, die in's Haus gehöre und nur in's Haus, und daß ihre Frauen es nicht nötig haben, sich um's liebe Brot zu sorgen aber erst recht nicht nötig, sichlnit dem modischen Firlefanz von Wissen und Wollen die Köpfe zu verdrehen. Und unter den Schreiern die lautesten, unter den reaktionären Köpfen die vorlautesten sind Juden. Auch das ist nicht weiter auffallend, wenn man bedenkt, wie die jüdische Religion im Altertume der Frau bei der Uebung religiöser Veranstaltungen die, bei der streng-theokralischen Verfassung des altjüdischen Staatswesens, gleichzeitig den Kern aller Staatshandlungen darstellten einen nur passiven Anteil anweist. Nach der Zerstörung des jüdischen Reiches und dem unsteten Leben, zu dem dies Ereignis die Kinder Israels verdammte, kam das finstere Mittelalter mit seinem Ghettozwang. Mehr als je wies es die jüdischen Frauen auf das Haus hin, mehr als je schloß es sie von dem Blick in die Weite, von der Thätigkeit für das Ganze aus. Dazu kommt in unserer Zeit, die die Ghettomauern niederlegt und die Gleichberechtigung der Juden mindestens auf dem Papier errungen hat, ein Hemmnis, das sich als der Schatten eines starken und heilbringenden Lichtes erweist. Wir meinen die im Gegensatz zum Christentum auch durch die Religion geheiligte Ehetradition der Juden. Familie und Ehe, das sind die mit Recht geheiligten Mittelpunkte des Judentunis. Kein anderes Bekenntnis schreibt seinen Gläubigen so energisch die Eheschließung vor, und ein statistischer Nachweis würde, meines Erachtens, zweifellos ergeben, daß nirgends mit solcher Intensität die Verheiratung erstrebt wird als bei den Juden beiderlei Geschlechts. Das hat ganz gewiß sein Gutes und dient nicht zuletzt dazu, 'den vielgerühmten jüdischen Familiensinn und die Familientreue lebenskräftig zu erhalten. Leider geht aber heutzutage allzuoft der Zusammenhang mit dem