Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 mir durchaus nicht — spanisch vorkäme. Unter günstigen Bedingungen könnten die Ärmsten der Armen, unter denen viele daheim dem Ackerbau obliegen und durch Nüchternheit sich anszeichnen, zum Segen des zerrütteten Landes und seiner heißblütigen Bewohner werden. Mit den Bestrebungen der Polen, Dänen und protestlerischen Elsässer sind die unserigen nicht entfernt zu vergleichen. Jene, von denen namentlich die Slaven unter preußischer Herrschaft im allgemeinen sich wohler fühlen können als in der ehemaligen zerfahrenen Adelsrepublik, sehnen sich auf dem. Grund und Boden ihres alten Vaterlandes nach freierer Entfaltung ihrer von der deutschen verschiedenen Nationalität. Die Staatsraison, die das Wohl der Gesammtheit im Auge hat und scheinbar anseinanderlaufenden Interessen gerecht werden muß, hat gewiß keinen leichten Stand. Doch würden die Schwierigkeiten wesentlich gehoben werden, wenn man's verstünde,, auf der einen Seite nicht Liberalismus aber doch etwas mehr Liberalität, auf der andern nicht Byzantinismus, aber doch etwas mehr Loyalität zum politischen Prinzip zu erheben. Der gegenseitig auf die Spitze getriebene Nationalitätsgedanke bietet kein erquickliches erhebendes Schauspiel, das zur Bewunderung einer feineren diplomatischen Kunst zwänge. Raum für Alle hat die Erde, wenn man nur dem Frieden auf Erden, dem Frieden im eigenen Lande Raum gäbe. Folgte man nur der ..raison" d. i. der Vernunft an sich, man müßte auch hier allmählich nicht bloß zu einem notdürftigen modus vivendi, sondern sogar zu einem modus bene vivendi gelangen. — Luther sagt sehr schön: „Wir wollen Alle Einigkeit, aber das Mittel zur Einigkeit sucht niemand, welches ist Liebe unter einander." Heute heißt es richtiger: Nicht alle lieben die Einigheit, sehr viele im Staate verfolgen ihre Partei- und Sonderinteressen; das Mittel zur Erreichung derselben braucht den strengen Forderungen der Ethik vom Standpunkt der Politik nicht voll zu entsprechen. Und doch ist peinliche Gerechtigkeit die höchste Staatsklugheit und als Norm und Form gegenseitige Zusammenlebens überall anzustreben. Treffend sagt ein neuerer Staatsmann: „Wenn wir nur erst anfangen, vernünftig zu werden, dann werden wir überhaupt vernünftig." Recht vernünftig könnten christliche und israelitische Deutsche, wenn sie ernst lich wollen, in einer staatlichen Gemeinschaft beisammen wohnen. Die Besten in Dentsch-Jsrael sind treu als Patrioten und stark als Israeliten; darum sind sie, das ewige Bundesvolk, notwendig dem deutschen Volk und Vaterland und werden sich glücklich schätzen, mit der großen deutschen Nation in Einmut leben, ihre Wohlfahrt fördern, ihr Wohlwollen erwerben zu können. Es kommt viel auf das Entgegenkommen der germanischen Mehrheit gegenüber der israelitischen Minderheit, es kommt Alles auf eine ungestörte Entwicklung des ausgestreuten Samens an: Ihr Jugendbildner, Ethiker und Staatsmänner, Ihr Edeln alle des Geistes, streut Gerechtigkeit und Wohlwollen aus, Ihr werdet Liebe, Dank und Glück ernten. Wer aber den Wind der Mißgunst säet, wird den