Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1898)
- Date
- 1898-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 W. Windewand über Kpinoza. Einer der neuesten und bedeutendsten Bearbeiter der Philosophiegeschichte, Professor Windelband in Straßburg behandelt in den „Präludien" (Vorträge zur Einleitung in die Philosophie, S. 89) die allgemein wissenschaftliche Bedeutung Spinoza's und dessen Charakter wie folgt; „So gut wie nur irgend einer der Heroen der menschlichen Denkarbeit ist Spinoza der leuchtende Beweis dafür, daß es keine wahre Genialität und keine höchste Entfaltung geistiger Kräfte giebt ohne die Größe des Charakters. Wenn die Geschichte der Philosophie immer mit gewisser Feierlichkeit bei dem Namen Spinoza anhält und über seine Bedeutung mit besonderer Vorliebe sich ergeht, so rührt das vor Allem daher, daß bei ihm ebenso sehr der Mensch unser Herz gewinnt, wie der Philosoph unseren Geist fesselt; und es ist weniger der Reiz des Tragischen in seinem Geschick, welches er mit Manchem theilt, als vielmehr der ergreifende Eindruck wahrer, innerer Größe, worauf dies allgemeine Interesse an seiner Persönlichkeit beruht. Wenn die lautere Klarheit seiner Gedanken noch durch etwas übertroffen werden kann, ko ist es durch die fleckenlose Reinheit seines Charakters; in ihm ist kein Winkel, in dem sich die Lüge verkriechen kann, und Alles, was er thut, was er lebt, was er lehrt, trägt an sich den Stempel reinster Wahrhaftigkeit und vollster Ueberzeugtheit. Jene innere Sicherheit, welche sich in der mathematischen Gewißheit seiner philosophischen Ueberzeugung ausprägt, stammt zugleich aus dem Charakter, der fest in sich gegriindet mit ruhiger Milde durch das Leben geht. Diese innerliche Festigkeit aber erwächst nur daraus, daß sich alle Kräfte einer ganzen Lebensarbeit" mit klarem Bewußtsein auf ein großes Ziel hin richten, und jene nach allen Seiten strahlende Wahrhaftigkeit wurzelt eben darin, daß es ihm von Jugend auf voller und heiliger Ernst war um die Wahrheit. Die Arbeit des Denkens war ihm Pflicht und Seligkeit zugleich, die Wissenschaft war ihm Religion. Aber noch in anderer Bedeutung gilt das letztere: religiös im eigensten Sinne des Wortes sind alle Mottve seines Nachdenkens; ein tief religiöses Bedürfnis, in den Glaubenslehren der positiven Religionen unbefriedigt, ist der psychologische Untergrund all seines wissenschaftlichen Strebens; und wie. sein ganzes Denken ein Suchen nach Gott ist, so stellt sich seine Philosophie in ihrer abgeschlossenen Gestalt dar als eine großartige Anschauung der Gottheit; er ist ein „gotttrunkener Mann". Dies ist der wahre Mittelpunkt von Spinoza's Wesen, und hieher liefen alle Fäden seiner Entwicklung zusammen, hier einigten sich die mannigfaltigen Elemente seiner Bildung: hierin bewährt er auch die Abstammung von einer Nation, welche die leidenschaftliche Intensität ihres Gottbewußtseins durch die Jahrhunderte als den werthvollsten ihrer Schätze gehütet hatte." Auf Seite 95 der „Präludien" bespricht Windelband - den „theologisch^