Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1898)
- Date
- 1898-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969851-2969854--5300-2974596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
28 voraussichtlich durch die Vereinigung in einem Lande und zu einem Staate nicht beseitigt werden und den Keim zu Uneinigkeiten legen, die ein gedeihliches Zusammenwirken ebenso unmöglich machen würden, wie in den letzten Zeiten des alten jüdischen Staates, in welchem auch die Religion, statt der bindenden Kraft, welche sie haben sollte, durch die Trennung in verschiedene sich gegenseitig befehdende Sekten die Uneinigkeit und damit auch wohl zum Teil den Untergang des Staates herbeiführte. Dieselben Darwinschen Ansichten, welche wir auf die Juden bezogen, können auch auf die jüdische Religion angewandt werden. Erst durch den Kampf um's Dasein hat sie sich in ihren eigentlichen Grundlagen gestärkt und bewährt. Die von mächtigen Feinden ausgehende Verfolgung hat sie erst dahin gebracht, die allein widerstandsfähigen Teile auszubilden und zu verstärken, und so seit 1800 Jahren ihre Lebensfähigkeit zu erhalten. Die Vereinigung der Juden zu einem Staate würde wohl nur denselben nachteiligen Einfluß auf die Entwicklung der jüdischen Religion haben, welchen erfahrungsmäßig die Verquickung von Staat und Religion jeder Zeit gehabt haben, und es würde dann vielleicht auch hier — wenigstens teilweise — das Urteil eines klassischen Zeugen anzuwenden sein, welches enthalten ist in dem Satze: „Er vertritt praktisch denselben großen Entwicklungsprozeß, in welchem Moses, die christliche Offenbarung, die Reformation als Etappen erscheinen und dem gegenüber die cäsarische Gewalt der alten und modernen Zeit, die klerikale und die dynastische Ausbeutung der Völker jeden Hemmschuh anlegt (in einem Briefe von Bismarck vom 19 Sept. 1869 an John Lothrop Motley)." Auf die positiv-christliche Religion findet die mehrfach erwähnte Darwinsche Theorie ihre Anwendung in dem Sinne, daß die zu ihrer Erhaltung erforderlichen Faktoren, nämlich Zwang, staatlicher Einfluß, einseitige Verteidigung ohne Rücksicht auf Wissenschaft und Logik sich immer mehr verstärken mußten, während die Mittel, welche sich doch als vergeblich erwiesen, wie vorurteilsfreie Untersuchung» friedliche und auf inneren Gründen basirte Auseinandersetzung mit Andersgläubigerl, Anlehnung an Wissenschaft und Logik immer mehr in den Hintergrund traten. Auch der jüdischen Religion wird es eher gelingen, sich zu einer einigenden „Religion der Zukunft" herauszubilden, wenn sie dem unmittelbaren Einflüsse einer neuen staatlichen Macht entzogen bleibt, deren Gestaltung und Entwicklungsgang sich gar nicht vorhersehen läßt. Für den Idealisten ist es ja gewiß ein erhabener, hinreißender Gedanke, einen neuen jüdischen Staat, vielleicht gar als Musterstaat nach Jesaianischer Schilderung, erstehen zu sehen, der kühle Realist aber wird einsehen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen jeder dahin gehende Versuch mit einem argen Mißerfolg abschließen müßte. ***