Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969851-2969853--5284-2974579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Sabbatleute", welche glauben, daß die Christenheit einen Fehler begangen habe, indem sie den Sonntag feiert, anstatt des Sonnabends, wie die Juden. In allen Zeiten duldete man die Subotniki in Rußland namentlich deshalb, weil die Frau des Czaren Iwan, genannt „der Schreckliche", zu dieser Sekte gehört hatte. Vor etwa 60 Jahren aber wurden alle Anhänger dieser Secte aus dem Innern Rußlands an die persische Grenze verbannt und ihnen bei Todesstrafe verboten, in das Innere Rußlands zurückzukehren. Aeußerlich ging es den Leuten bald sehr gut. Sie sind fleißige tüchtige Bauern, aus deren Arbeit blühende Dörfer erwuchsen mitten unter den trägen Tartaren und Persern ihrer Umgebung. Ganz ohne Zusaminenhang mit einer der christlichen Kirchen, verschwanden mehr und mehr bei den Subotniki die Einflüße des Christenthums. Seit 25 Jahren aber haben die Leute den letzten Schritt gethan und sind vollständig orthodoxe Juden geworden. Sie gebrauchen bei ihren Gottesdiensten nur die jüdischen Gebetbücher, welche unter den Juden Rußlands allgemein üblich sind, mit dem hebräischen Text auf der einen und der russischen Uebersetzung auf der anderen Seite. Auf das strengste halten sie alle jüdischen Fast- und Festtage. Es ist ein ganz merkwürdiger Anblick, die russischen Bauern in den weiße« Gebetmantel gehüllt, in schaukelnder Bewegung, wie sie bei den Juden allgemein üblich, am Sabbat dicht gedrängt in einer ihrer kleinen Synagogen beim jüdischen Gottesdienst mit genauester Einhaltung der Liturgie zn beobachten. Ohne daß man in Europa Näheres darüber gehört hat, sind in den letzten 25 Jahren über 5000 Christen Juden geworden. „Wir sind zwar „gerim“ (Proselyten) und stammen nicht dem Leibe nach von Abraham, aber wir halten ebenso fest an der jüdischen Religion, wie irgend ein Jude in der ganzen Welt", sagte mir einer der Aeltesten des jüdischen Dorfes russischer Nationalität. Von all den Juden, welche ich auf meinen Reisen, die mich durch fast alle europäischen Länder und durch ein gut Stück Asiens führten, sind die jüdischen Proselyten des Dorfes Helennwka die fanatischesten, ihr ganzer Cultus ist in russischer Sprache, aber er besteht nur in wortgetreuem Absingen der Uebersetzung des hebräischen Gebetbuches der Juden. Vielfach verheirathe» sich diese Juden gewordene Russen mit Juden. Während noch vor 10 Jahren die Juden vielfach diese Proselyten nicht als Juden anerkennen wollten, gelten sie jetzt in den Augen der meisten Juden schon als richtige Juden. Juden, welche durch Helenowka oder das benachbarte, ebenfalls von diesen Proselyten bewohnte Dorf Simonowka kommen, mache» stets ihren Gottesdienst mit. Wir hatten mit vielen Subotniki lange Gespräche. Sie suchten immer