Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1897)
- Date
- 1897-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 auch schwinden, was Israel glaubt und hofft und lehrt, o, dann hört das Judentum auf zu sein. Und der Schluß dieser Weisheit, der lautet ganz anders, da heißt es: „Israel welkt nicht Israel stirbt nicht, nein Israel ersteht zu neuem, zu jugendkräftigem Leben". Ein seltsames Wort, dieses Wort des Propheten! Ewig wie der Welten Kreislauf, ewig wie der Meere Auf- und Niederwogen, ewig soll Israel als Volk bestehen! Ja, ist denn Israel überhaupt ein Volk? Hat es nicht längst aufgehört, ein Volk zu sein? Oder was nennen wir denn sonst ein Volk? Nun, wir denken da zunächst an ein bestimmtes Land, und in dieseni Land hören wir eigenartige Leute, eine besondere Sprache; in diesem Lande finden wir ferner besondere Sitten und Gebräuche, schließlich gewahreil wir auch an den Menschen bestimmte äußere Merkmale, in der Farbe der Haut, der Haare und der Augen, in den Zügen des Gesichtes, in besonderen körperlichen Mängeln oder Vorzügen. Man nennt das heute Rasse. Dies etwa sind die Merkmale, nach denen wir ein Volk vom anderen unterscheiden, d. h. wir, insofern wir nur unsere Sinne, insofern wir Ohr und Auge allein reden lassen. Denn kennt wohl auch unser Herz, oder besser: kennt auch das Judentum solche unterscheidende Merkmale? Abraham, so hören wir, sitzt vor der Thür seines Zeltes nnd sieht drei Männer des Weges ziehen- Und von diesen Männern sagt der Midrasch: der eine erschien ihm als Sarazene, der andere als Nabatäer, der dritte als Araber? Und Abraham eilt ihnen entgegen, er begrüßt sie alle drei mit gleicher Herzlichkeit, als kenne er keine Verschiedenheit des Stammes, als gebe es keinen Unterschied der Rasse. Und was Sitten und Gebräuche betrjfft, liefert da das Judentuni selbst nicht den deutlichen Beweis, daß diese Sitten und Bräuche einen höheren religiösen oder sittlichen Gedanken zum Ausdrucke bringen? Und ist es nicht Israel selbst, welches, heimatlos wie sein Ahnherr Abraham, uns zeigt, wie ein Volk auch ohne eigenes Land, ja ohne eigenen Grund und Boden Jahrtausende hindurch blühen und gedeihen kann? Und lehrt nicht Israel, daß die Verschiedenheit der Sprachen in einer schweren Schuld, in einer Sünde der Menschheit ihren Ursprung hat, ja daß die Menschheit all diese unterscheidenden Merkmale erst später, nach und nach angenommen hat, daß über von Haus aus alle Menschen nur ein gemeinsames Elternpaar haben. Allein, man will ja in dieser Sache nicht Israel hören, sondern mail will doch gerade über Israel ein Urteil fällen, und man wendet sich da nun au dre allwissende Wissenschaft. Aber auch diese Wissenschaft läßt diesmal im Stiche. Sie kann nicht anders, als offen gestehen: Land und Sprache und Sitte und Recht, das sind Dinge, die mit dem steigendem Verkehr unter den Völkern, die mit der immer weiteren Verbreitung allgemein als recht anerkannter Grundsätze und Formen des Handels und Benehmens immer mehr sich ausgleichen und immer mehr aufhören, die Völker von einander zu scheiden. Und Rasse? Dies Wort