Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 betrachten, so ist Religion „Ethik" gestützt und gefördert durch den Glauben an eine waltende höhere Macht, die wir Gottheit nennen. Die Existenz der Gottheit konnte bisher allein durch Vernunftgründe nicht bewiesen werden. Der einzige Beweis dafür war bisher in der Bibel zu finden, welche uns berichtet, daß die Gottheit sich der Menschheit zu erkennen gegeben hat durch Offenbarungen und Inspirationen, welche sie gewissen auserwählten Menschen zu Teil werden ließ. Der Glaube an die Wahrheit der biblischen Berichte war unerschütterlich fest begründet, so daß man den Inhalt derselben überhaupt als „gö ttliches Wort" betrachtete und bezeichnete. Diese Anschauung mußte erschüttert werden, nachdem man manche Stellen der Bibel als absolut unwahr, wiederspruchsvoll, unlogisch und schädlich erkannt hatte, und sich daher sagen mußte, daß solche weder direkt noch indirekt von der Gottheit herrühren können, die wir uns als Inbegriff der Wahrheit, Weisheit und alles Guten vorstellen möchten. Eine Macht, die uns Unwahres, Widerspruchsvolles, Unlogisches und Verwerfliches verkündet, könnte selbst von den Gläubigen nicht als Gottheit anerkannt werden. Das früher versuchte: „Credo quia absurdum est (ich glaube, weil es unsinnig ist)" ist uns unmöglich geworden. Unter so vielen Beispielen mögen einige wenige angeführt sein, welche beweisen, daß von der Anerkennung des Ges ammt in Halts der Bibel als göttliches Wort nicht mehr die Rede sein sollte, da die Fehlbarkeit mancher biblischer Anschauungen schon dadurch bewiesen ist, daß deren Verbesserung von Generation zu Generation versucht und auch erreicht wurde, während andere Stellen so unbedingt verwerflich sind, daß selbst eine derartige Verbesserung oder eine einigermaßen annehmbare Auslegung derselben als unmöglich zu betrachten ist. So erscheint eine der wichtigsten religiösen und philosophischen Fragen: „die Vergeltung des Guten und Bösen", im alten Testament von Stufe zu Stufe verbessert und geläutert- Es ist dabei wohl zu berücksichtigen, daß durch das bei nachträglicher Feststellung des alttestamentlichen Kanons vorgenommene Vermischen und Einschieben verschiedener Stellen die chronologische Reihenfolge häufig verschoben wurde, so daß verbessernde Stellen vor den als minderwertig erkannten eingereiht sind. Es heißt: „2. Mose 20,2: auf daß du lange lebest im Lande u. s. w." „5. Mose 5,16: auf daß du lange lebest, und daß dir's wohl gehe in dem Lande u. s. w." Beide Voraussetzungen wurden später als nicht zutreffend erkannt. Lessing berichtet (die Erziehung des Menschengeschlechts § 24) daß: „Warburton (ein berühmter christlicher Gelehrter) zur Rettung dieses Ver- „sprechens seine Zuflucht zu einem von Mose bis auf Christus ununterbrochen „fortdauernden Wunder gegriffen habe, nach welchen« Gott einen jeden einzelnen