Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Heile unserer Gemeinden uns wünschen, ist es nicht, zu dessen Begründung und Erhaltung der heutige Tag uns auffordert. Das wäre ein Friede des Todes und nicht des Lebens, eine Ruhe des Grabes und nicht der Erhebung, eine Stille der Entfremdung und nicht der inneren Teilnahme. Wenn wir heute in unseren Gotteshäusern uns ernstlich in der Erhaltung unserer Lehre geeinigt haben» da sollen wir nicht morgen, wenn wir sie einmal verlassen, wieder von den hohen Zielen unserer Gemeinschaft uns entfernen. Und wenn es uns auch nicht allen gegeben ist, Tag für Tag und Sabbat für Sabbat hier zu erscheinen, und wenn es uns auch nicht gegeben ist, zu jeder Zeit jene höhere Stimmung und Herzensandacht in uns zu erwecken, wie wir heute uns haben ihr hingegeben, so brauchen wir darum nicht dem heiligen Glaubensberufe, den wir in uns tragen, uns völlig zu entziehen, so brauchen wir darum nicht die innige Teilnahme an der Erhaltung und Erhebung unserer Lehre in uns fallen zu lassen. Wir sind und bleiben darum doch treue Söhne des Judentums, wenn wir nur im Geiste uns ihm liebevoll anschließen, da dienen wir ihm, da ehren wir es, wie ein Kind seine Mutter ehrt. Glauben wir nur nicht, daß die Lehre des Judentums gesunken und veraltet ist, weil dem Geschlechte der Gegenwart die Frische des Glaubens und die Glut der Anhänglichkeit an dasselbe entschwunden ist. Unsere Lehre ist die ewige Wahrheit, das ewige Gesetz der Gesittung und Menschentugend, was ewig ist, dem kann die Zeit nichts anhaben, das kann nicht verfallen und untergehen, und wenn auch einmal seine Blüten zur Erde fallen, so ist es nur, damit eine neue Frucht sich freier entfalte, damit ein neuer Segen früher zur Reife gelange. Ja der alte Stamm unserer Lehre, dessen Zweige sich weit über die Welt Hinausbreiten, hat wohl manchen Blütenschmuck verloren, manches welke Blatt von sich abgeworfen, aber wurzelnd in dem Boden des Ewig Wahren, trägt er für die Zukunft neue Frucht der Erkenntnis, bringt er stets neuen Ertrag des Segens für die Menschheit. Bleiben wir daher einig und stark in der Erfüllung des höhen Berufes, der mit der erhabenen Gotteslehre uns zu Teil geworden, der großen sittlichen Pflichten, die sie auf das Feld unserer Thätigkeit hat hingelegt. Bleiben wir stark und einig in dem Fortschritte zu besserer Erkenntnis, in der Förderung unserer lichtvollen Wissenschaft, in der Heranbildung einer geistesfrischen, gottbeseelten Jugend, stark und einig in Werken der Tugend und Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Menschenliebe, der Wahrheit und der Eintracht — und aus dem Frieden unserer Gemeinden, aus dem Frieden in ganz Israel wird dann emporblühen Friede, Segen, Liebe und Erleuchtung in der ganzen großen Menschheit.