Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 224 — bis zum anderen, in allen Herzen und Geistern. Wer diesen Tag mit uns feiert, der schließt damit von Neuem unserer heiligen Glaubensgemeinde sich an, der sagt damit, daß er unseren Glauben teilt und unsere Lehre bekennt und unseren Gott verehrt und unserem Geistesbunde sich einfügt, er ist unser Bruder und Genosse, denn er betet mit uns einen himmlischen Vater an. Ja darin ruht die Hoheit und Größe des heutigen Festes, daß es ein Tag der Einigung für unsere Gemeinden, ein Tag der Verbrüderung für ganz Israel ist, daß es nicht blos einzelne Liebesbande, die gelockert sind, wieder enger knüpft, sondern den Geist der Eintracht und der Versöhnung über unsere große Gesammtheit ergießt. Nicht blos der Friede in dir selbst, nicht blos der Friede in deinem Hause ist es, den du heute sollst erlangen, sondern auch der Friede in der ganzen Gemeinde Israel, an dem du sollst dein Teil haben und der Friede in den weiten Kreisen der Menschheit, den du sollst fördern und festigen durch Werke des Lichtes und durch Thaten der Liebe. Friede in der Gemeinde! Nun, den haben wir, möchte mancher wohl ausrufen, wir lassen die, denen wir die Last ihrer Leitung und Führung auf die Schultern gelegt haben, in Ruhe diesem Dienste sich hingeben, wie sich da die Angelegenheiten derselben gestalten und entwickeln, wie da wird die Sache des Judentums behandelt und fortgeführt, das ist uns Alles ganz recht und gut, wir möchten nur selbst nichts weiter davon wissen, nicht selbst mehr daran beteiligt sein — Ruhe wollen wir und wenn auch da einmal ein Fehlgriff geschieht, dort wieder eine Vernachlässigung stattfindet und diejenigen, welchen wir haben die hohen Pflichten und die heiligen Aufgaben unserer Gesammtheit übertragen, es damit auch nicht so ernst nehmen und ihr eigenes Belieben und Nützlichkeitsgedanken höher stellen als das was das eigentliche Wohl der Gemeinden und die Lehre des Judentums von ihnen fordert, und sogar den erleuchtenden Geist des Fortschritts völlig preisgeben, um den lieben Frieden zu erhalten und damit dem Rückschritte und der Lüge eine Bahn eröffnen — auch damit sind wir zufrieden. Ein Friede ist das allerdings, das können wir nicht leugnen, da ist nirgendswo ein Widerstand, der zu bekämpfen, ein Gegensatz, der zu besiegen ist, da geht alles seinen gewohnten Lauf, da erreicht jeder sein angestrebtes Ziel. Aber der Friede ist ja überall billig zu haben, wo man sich allen Vorschlägen widerstandslos unterwirft, wo man sich gutwillig den gegebenen Bedingungen unterordnet, wo mau alles gut heißt, was andere gut nennen und sich darum keine weitere Sorge und Störung verursacht. Friede kann in jedem Gemeinwesen herrschen, wenn man da die Stimmen, die für ein Besseres sich erheben, nicht hört und, um durch Neuerungen nicht Aufregung hervorzurufen, alles schön beim Alten läßt, wenn dies auch noch so überlebt und unbrauchbar und unheilvoll für die Zukunft ist. Nun, ein solcher Friede, der Friede der Gleichgiltigkeit, der Friede auf Kosten der Wahrheit, der Friede, neben dem das Unrecht ruhig fortleben kann, ist es nicht, den wir zum