Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1897)
- Date
- 1897-09-01
- Page
- Seite 209 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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*JT> «»v^oM-r J~* u —«5.,^ . * ' - ----.' ------ - <-4 V~i ü! .«r — 209 — mit den Ureinwohnern des Landes, nimmt deren Acker- und Gartenbaukultur an, geht auf ihre Kulte ein und nimmt ihre Heiligtümer in Besitz. Mit der täglichen Beschäftigung ändert sich auch die ganze geistige Art der Eingewanderten. Aus Nomaden, die auf den Bauer herabsehen, entsteht durch die Verschmelzung mit den Ureinwohnern ein Volk, dem beim Ackerbau wohl ist und das die Wüste für ein Land voller Schrecken hält. Das Israel der historischen Zeit ist ein Produkt der Verschmelzung der über den Jordan gekommenen hebräischen Nomaden mit den Ureinwohnern. Hierdurch sind aber auch Kultübungen und religiöser Glaube der Ureinwohner in die Religion des Israels der historischen Zeit gekommen. Sind sie auch von der Religion des Sinaigottes absorbirt lind ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet worden, so haben sie diese doch erheblich umgestaltet. In ihr lebt neben den beherrschenden Gedanken der Religionsstiftnng Moses die kanaanitische Religion weiter wie klassisches und germanisches Heidentum im mittelalterlichen Christentum. — Der Präses der jüdischen Gemeinde in Königsberg Herr Dr. Samuel hielt bei der Einsetzung des neuen Rabbiners folgende Anrede: Die Gemeinde Königsberg hat ihre religiöse Tradition. Wenn auch ihre ersten Anfänge sich bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen, doch ihre eigene Physiognomie erhielt sie erst in der mendelssohnschen Zeit. Die innere Befreiung, die von ihm ausging, hat nirgends tiefere Wurzeln gefaßt als hier und das in einem Maße, daß den alten Königsberger Familien Orthodoxie ein unbekannter Begriff ist. Die Gemeinde Königsberg hat auch ihre bürgerliche Tradition. Unter dem Einfluß der Kant'schen Philosophie und des politischen Liberalismus hat sich hier eine gesellschaftliche Emanzipation der Juden entwickelt breiter und tiefer als in irgend einer Stadt unseres großen deutschen Vaterlandes. Sie hat den segensreichsten Einfluß ausgeübt. Die Einseitigkeit, die uns seit dem Mittelalter aufgezwungene Einseitigkeit des Gewerbes und der Geistesrichtung konnte einer größeren Vielseitigkeit Platz machen, wenn auch die Schäden der Jahrhunderte natürlich nicht in Jahrzehnten ausgeglichen werden können. Eine rege Thätigkeit bestand ans allen Gebieten, die uns bis jetzt frei gegeben worden sind. In treuer Gemeinschaft haben wir mit unfern Mitbürgern gewirkt. Zählt Königsberg seine besten Bürger — seine thatkräftigsten und gemeinnützigsten bis auf die jüngste Zeit hinunter, so fehlen die Namen unserer Glaubensgenossen nicht, selbst unter den Berühmtheiten dieser Stadt finden sie sich in entsprechender Zahl vertreten. Wenn ein Tag wie der heutige unwillkürlich zu einer geschichtlichen Betrachtung einladet, Leben und Streben gehören der Gegenwart und der Zukunft. Das Judentum hat als Weltreligion den Wandel der Zeiten überdauert, es hat den Druck des Mittelalters ertragen, wird es den Versuchungen der Neuzeit widerstehen? Wir bleiben ruhiger Zuversicht. Das Judentum hat zum Gottesglauben den reinen Monotheismus, als Moralvorschrift: Liebe deinen Nächsten, liebe den Fremdling, wie dich selbst, es hat als Lebensgrundsatz: »Freue dich vor