Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1897)
- Date
- 1897-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 gewaltiger historischer Eroberer und Reformatoren zu versenken und sie nicht minder machtvoll und gewaltig herauszugestalten. Ich verweise hier nur auf die, gleich den beiden vorgenannten Bildwerken, auch in Berlin bekannten Standbilder „Peter des Großen" und „Jermak Timofejewr", des kühnen Unterwerfers Sibiriens. Auch der marmorne „Mephistopheles" der Eremitage, den Antokolski später noch bei Thiöbant in Paris in dunkler Bronce gießen ließ, ist dem Berliner bekannt, ebenso wie das Hochreliefmedaillon „Der Todesseufzer Christi", der „Christus, einen Seesturm bezwingend" (für einen Leuchtthurm), der Chronist „Nestor", an einem Tische schreibend, die blinde, junge „Christliche Märtyrerin" in den Katakomben , mit dem Ausdruck stiller Verzückung in dem abgehärmten Antlitz der rührend keuschen Figur, u. A. Wie bei diesem letztgenannten Werk, wo das Mädchen auf einer Bank sitzt und Tauben zu ihren Füßen, auf ihrem Schooß und auf der Bank selbst ihr Wesen treiben, so treffen wir auch bei vielen anderen allerlei Staffage. Aber diese ist nie von allegorischer oder symbolischer Bedeutung. So sehr speculativ der Künstler ist, so wenig neigt er andererseits der Allegoristerei zu. Jenes Beiwerk ist stets realistischen Gepräges, ein Stuhl, ein Tisch, allerlei Geräthschasten. Antokolsky steht im Banne der Idee. Er ordnet dieser die Form vollkommen unter, wie es Manchein vielleicht scheinen möchte, bisweilen auf Kosten des Schönheitsbegriffes, was ihm bekanntlich den Vorwurf eines crassen Realismus und gar Naturalismus zugezogen hat. Mir ist es immer unerfindlich geblieben, wieso denn dieser Vorwurf ihn sollte treffen können, ihn, dem es ja vor Allem immer auf die Herausgestaltung potenzirten geistigen Ausdrucks, eben der Idee, ankommt. Daß somit seine Motive an und für sich nicht realistischen und nun erst recht nicht naturalistischen Geistes sein können, das versteht sich von selbst. Aber auch in der Ausführung — wo finden wir denn bei ihm die protokollarische, photographirende Manier so vieler der modernsten italienischen, belgischen, französischen Bildner? Ungemein keusch, maßvoll, einfach ist fast Alles, und in anatomischer und stofflicher Realistik zeigt der Künstler, im Vergleich zum Beispiel zum „Iwan" und „Mephistopheles", bei seinen Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren — die zahlreichen Porträtbüsten natürlich ausgenommen — gar ein Minder. Ja, dem Wahrheitssinn wird gar mancher Leib, bei der christlichen Märtyrerin zum Beispiel, auch beim Spinoza, geradezu befremdend mager, „körperlos" erscheinen, namentlich in der Seitenansicht. Umsomehr bannt Einen der Ausdruck in der Haltung des Körpers und vor Allem im Antlitz. Der Ausdruck von Hohn und Spott und Haß und Verachtung zum Beispiel in den mit so eigenartiger Technik behandelten Augen des Mephisto wirken förmlich fascinirend. Charakteristisch für Antokolski ist es übrigens, daß er in dieser Figur nicht den „gefallenen Engel", sondern ganz und gar die Goethe'sche „Spottgeburt aus Dreck und Feuer" zum Ausdruck gebracht hat ... . Welch' ein Contrast zwischen ihr