Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1897)
- Date
- 1897-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Er wandte also, Ende der Sechziger-Jahre war es, Berlin wieder den Rücken und kehrte nach St. Petersburg zurück. Und noch sollte es zwei, drei Jahre währen, bis ihm das Schicksal eine freundliche Miene zeigte. Er hatte eine große Idee gefaßt und führte sie hoch oben im vierten Stocke des Akademiegebäudes in einem jammervollen Kunstschüleratelier zaghast und doch zielbewußt, oft hungernd und frierend aus, ohne daß Jemand der Arbeit Beachtung geschenkt hätte ... Da faßte er sich ein Herz und wandte sich direkt an den damaligen Vicepräsidenten der Akademie, den Fürsten Gagarin. Der kam — sah und staunte, und kam nach einigen Tagen mit der Präsidentin, der Großfürstin Maria Nikolajewna wieder. Und auch die hohe Frau sah und staunte, und das Märchen vom „armen häßlichen Entlein" war aus — als ein Schwan, der mächtig seine Schwingen regte, wurde plötzlich der Bildner des „Joann Grosny" („Iwan der Schreckliche") erkannt. Bald war sein Name in aller Leute Mund. Der Kaiser ließ nach dem Gypsmodell des Bildwerks einen Bronceguß für die Ereinitage anfertigen, das Kensington- Museum in London kaufte für seine Galerie berühmter Erzeugnisse der Plastik einen Gypsabguß und 1872 konnte sich der 30jährige Künstler, siech wohl an Leib, aber mit hoffnunggeschwellter Brust nach dem Lande seiner Sehnsucht aufmachen, nach Italien, wo er denn auch die Gesundheit wiederfinden sollte . . . . Doch wir wollen hier nicht das Leben Antokolski's erzählen, noch auch einen Überblick über sein Wirken geben. Es genüge, wenn ich daran erinnere, daß er 1878 in Paris für „Christus vor Pilatus", „Tod des Sokrates" und eine Marmorbüste „Peter des Großen" die Ehrenmedaille und das Ritterkreuz der Ehrenlegion erhielt, und daß er seitdem sich stets auf der gleichen Schaffenshöhe gehalten hat. Wenn einen Augenblick bei der schweren ersten Hälfte seines Lebens verweilt wurde, so nur, weil wir vielleicht in den Erfahrungen jener dreißig Jahre den Schlüssel zum Charakter des Kunstschaffens Antokolski's finden, das sich so vielfach in der Sphäre geistigen Martyriums bewegt. Hat er doch auch das Standbild Iwan des Schrecklichen sozusagen als das eines „Marterers und Märtyrers" aufgefaßt. Und neben dem geistigen Martyrium aller Art hat ihn stets auch die Todesidee angezogen, wie wir ja von ihm eine Reihe tiefempfundener Grabmonumente und Ornamente besitzen: das Hochrelief-Medaillon zur Erinnerung an seinen eigenen frühverstorbenen Knaben, das prächtige Denkmal der Fürstin Obolenski zu Rom, das Porträt des todtkranken jungen Baron Günsburg, das Grabdenkmal für die Tochter des Kunstmäcens Tereschtschenko in Kiew und andere. Mitunter treffen auch beide Faktoren zusammen, zum Beispiel beim „sterbenden Sokrates" und bei „Spinoza's letzte Augenblicke". Er selbst gesteht auch in seiner ersterwähnten Biographie ein, daß die Poesie des Todes allezeit für ihn etwas sehr Reizvolles gehabt habe. Jedoch nicht allein das geistige Ringen nnd Kämpfen des Menschen zieht ihn an. Ebenso tief weiß der Künstler sich auch in machtvollen Thatendrang