Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1897)
- Date
- 1897-09-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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behörde einschreiten und wenn nötig, an maßgebender Stelle vorstellig werden. Es war kürzlich in den Blättern zu lesen, daß ein Priester seit 30 Jahren in der Kirche über die Juden beleidigende Äußerungen that. Ich weiß nicht, ob sich das bewahrheitet, doch versichere ich Sie, daß, obschon ich viele Jahre meinem Amte obliege, diesbezüglich bei mir noch nie eine Beschwerde von Vertretern der Judenschaft eingelangt ist. Wäre das geschehen, seien Sie dessen versichert, daß eine Untersuchung eingeleitet und einem eventuellen Unfug gesteuert worden wäre. Wo aber kein Kläger, ist kein Richter. Und wir können doch nicht auf eine Zeitungsnotiz hin jedesmal eine hochnotpeinliche Untersuchung einleiten." Der jüdische Seelsorger äußerte sich folgendermaßen: „Das größte Unglück ist der Jndifferentismus, den die Juden in Bezug auf ihre Confession an den Tag legen. Dieser Jndifferentismus aber kommt daher, daß kein kräftiges Centrum vorhanden ist. Es geht uns in dieser Beziehung, wie es den Deutschen erging, so lange sie politisch ohnmächtig waren. Ein Deutscher, der in's Ausland kam, schämte sich förmlich seiner Nationalität und suchte oft dieselbe zu verleugnen, uin sich dem Spotte zu entziehen. Die Juden sind ein Heldenvolk, jeder einzelne ist ein Held, der mutvoller kämpfen muß, als auf dem Schlachtfelde der Soldat. Der Soldat im Kriege hat einen ehrlichen loyalen Gegner gegenüber, während hier jeder Einzelne gegen Vorurteil, Bosheit und Schlechtigkeit zu kämpfen hat. Doch selbst Millionen Helden fallen nicht schwer in die Wagschale, wenn ihre Kraft nicht organisirt ist. Wären die Juden organisirt, wären sie ein mächtiger Factor — Staaten würden concurriren, ihre'Bundesgenossenschaft zu erwerben, denn wer die Gesammtjuden zu Freunden hätte, der würde wahrlich viel an Ansehen gewinnen. Ihr Vorschlag, in Bezug einer Association, ist sehr zu begrüßen und es ist nur zum Staunen, daß dergleichen nicht schon früher in Angriff genommen worden ist. Eine solche Association würde jedem Einzelnen eine moralische Stütze bieten und gleichzeitig wäre eine Vertretung geschaffen, die Angriffen auf unsere Religion jederzeit wirksam begegnen könnte. Die Juden sind unstreitig große Patrioten und jeder Jude ist seinem Lande und Volke treu zugethan. Sehen wir nach Deutschland, wo meine Wiege stand. Ich will nicht von den Leistungen sprechen, welche die deutschen Juden auf dem Felde der Ehre, zur Verteidigung ihres Landes vollbrachten, nicht von ihrer Liebe und Anhänglichkeit an dem Gesammtstaate, die sich durch culturelle Leistungen bekunden, aber jüdische Gelehrte, Dichter und Künstler haben auch das geistige Gut Deutschlands derart vermehrt, daß, würde man das, was sie geschaffen, diesem Schatze entnehmen, eine große Lücke entstehen möchte. Was diese jüdischen Herren geschaffen, gehört der Gesammtnation an. Um von der übergroßen Zahl geistiger Größen nur einige Namen zu nennen, gedenken wir an Spinoza, Mendelssohn, Heine, Börne, Meyerbeer u. s. w.