Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1897)
- Date
- 1897-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 172 — und diese Rollen erst infolge von Fällen des Leichtsinns gewechselt werden mußten? Um diese Hauptfragen gruppieren sich die minder scheinbaren, welche jedoch zum Verständnis des Wesens des Festes und seines Ritus von besonderer Wichtigkeit sind. Warum feierte man das Fest zur Nachtzeit, und zwar fünf, sechs Nächte hindurch? Welche Bedeutung hatte die jenen großen Glanz ausstrahlende Fackelbeleuchtung? Warum konnten nur die Frommen am Feste teilnehmen und was bedeuten ihre Sprüche, ihre Abschiedslieder, und die Ausbrüche endlos ausschweifender Freude? Warum betraute man mit dem Anzünden der Lampen an den Säulen — was nach der Überlieferung so wichtig war — nur die Jünglinge unter den Priestern? Wozu das verletzende Selbstlob am Feste, daß sie sich vor Gott beugen, während die Vorfahren die Sonne verehrten? Wie soll man es verstehen, daß inmitten dieses Freudentaumels, der in maßlosem Singen, Musiziren und Tanzen sich äußerte, des Hahnenrufes geachtet wurde, damit der Zug nach Siloah wegen des Wasserschöpfens sich in Bewegung setzen könne? Diese Fragen sind nicht Ergebnisse einer Haarspalterei, und man kann uns nicht der Kleinlichkeit bezichtigen, wo es sich darum handelt, daß im jerusalemischen Tempel, im Brennpunkte der Judenheit eine dem jüdischen Jdeenkreise völlig fernstehende Institution kultiviert wurde. Denn die Institution selbst und alle Details ihres Verlaufes — mit Rücksicht auf die Einrichtung und den Kultus des jerusalemischen Tempels wie ans das Verhältnis zwischen Volk und Tempel — ist so sehr fremdartig, daß wir sie auch mit bestem Willen nicht auf jüdischem Boden erstanden denken können. Es ist geradezu befremdend, daß unsere Gelehrten, die mit ihrem Wissen und der secierenden Kraft ihres tiefdringenden Verstandes die uralten Institutionen und den Kultus der Judenheit in ihre egyptische, kananäische, babylonische und persische Bestandteile zerfaserten, entsprechend den Völkern, mit welchen die Juden je verkehrten, ja selbst den Brahmanismus in Mosis Schriften entdecken wollten, und überhaupt überall nach fremden Einflüssen mit feinem Spürsinn forschen, gerade bei diesem Freudenfeste an der einfachen Erklärung sich genügen lassen: „Es war ein alter Brauch!" Und doch ist der fremde Einfluß nirgendwo so klar und jeden Zweifel ausschließend, als bei diesem Freudenfeste, dessen Verlauf die Überlieferung — trotz großer Lückenhaftigkeit — in allen charakteristischen Zügen in solcher Weise 'bewahrte, daß darin die eleusinischen Mysterien zu erkennen sind.