Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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157 „Nicht hier, sondern im zweiten Hause um die Ecke, dritter Stock", lautete die Antwort. Nach athemloser und nicht ganz ungefährlicher Passage über die Hühnerstiege traf er einen alten israelitischen Tabulettkrämer, der seine Ordre: „sofort im Hotel „Weidenbusch" auf Nr. 21 zu erscheinen", mit großer Freude entgegennahm. Bei allem Aerzer über die lange Verzögerung mußte der Major nun doch lachen, als er statt des erwarteten Buches einen wirklichen Juden in Lebensgröße erscheinen sah. „WaS steht zu Dienst? Seifenkugeln, Zahnbürsten, Schildplattkämme", begann der alte Mann und zog die angepriesenen Maaren aus seinem Korbe hervor. „Laßt's gut sein! der Esel von Hausknecht hat eine große Dummheit gemacht; ich bestellte nicht Euch, sondern ein Buch. Von Euren Sachen kann ich leider keinen Gebrauch machen; aber da habt Ihr einen Gulden für Eure Mühe!" Allein der Jude sagte, er nehme nichts geschenkt, und weil seine Maaren absolut keine Gnade fanden, bot er dem hartnäckigen Kunden ein Los znr nahe bevorstehenden Ziehung der Frankfurter Lotterie, welches der Major, um ihn los zu werden, denn auch zu kaufen sich bequemte. Als der alte Stammgast nun den Oberkellner kommen ließ und ihm seinen Wunsch, den neuen Spindler'schen Roman aus einer Leihbibliothek zu empfangen, niitgeteilt hatte, war er binnen einer Viertelstunde im Besitz desselben und begann sofort zu lesen. Er las und konnte nicht anfhören. Der „Jude" ist eines der besten Werke des fruchtbaren Schriftstellers. Der Roman giebt ein möglichst treues Bild der deutschen Zustände im 15. Jahrhundert, schildert die üppige Pracht, welche die Kirchenfürsten aller Länder in der alten Reichsstadt am Bodensee entfalteten und stellt die durch den Übermut des Rittertums herbeigeführten Gefahren des öffentlichen Verkehrs ins grellste Licht. Dabei >vird ein mit den Lokalitäten Frankfurts vertrauter Leser nur. noch ganz besonders angeregt und der Major war auch auf diesem Gebiete sehr bewandert. Als er mit Zuhilfenahme eines Teils der Nacht die Bände binnen 24 Stunden verschlungen hatte und anl folgenden Tage zu Tische kam, übertraf er im Lobe des Spindlcrischen Romanes alle anderen Gäste. Auch an den nächsten Tagen blieb die Dichtung das Hauptthema des Gespräches und dann trat ein Ereignis ein, das eine ganz unerwartete Wendung herbeiführte. Denn wiederum in der Nachinittagsstuude und wiederum mit seinem unvermeidlichen Tabulettkram erschien auf dem Zinliner des Majors der mißverstandene, nicht gedruckte, sondern lebendige Jude, aber diesmal mit vor Freude strahlendem Gesichte.