Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Gin Glück aus Arrtyum. Eine Frankfurter Erinnerung. Zu Anfang der Dreißiger Jahre war das Hotel „zum Weidenbusch" in Frankfurt am Main einer der frequentesten Gasthöfe der Stadt, weil sich durch das ganze Rheinland und die sonstigen Nachbar-Provinzen der Ruf seiner vorzüglichen Küche und feines Weinkellers verbreitet hatte. Für die Wirthstafel reichte der Speisesaal selten aus, meistens zog man die Nebenzimmer hinzu, aber die Stammgäste hielten unerschütterlich fest an einem Platze im Hauptsaal, weil man von dort ans die fremde» Änkömmlinge am besten mustern konnte. Und zahlreiche Stammgäste hatte der „Weidenbusch" speciell unter den kaufmännischen Reisenden, weil der Wirth wie ein guter Familienvater für sie sorgte. Wenn sie im Postwagen oder auch im eigenen'Gefährte auf der holprigen Landstraße kruinin und lahm gerüttelt waren, konnten sie in den trefflichen Betten des Hotels sich erholen, der Wirth sorgte sogar dafür, daß die besonderen Ansprüche jedes Einzelnen, betreffend Kissen und Betten, befriedigt wurden, und sogar der Lieblingstabak — man rauchte damals allgemein aus Pfeifen — ward vom Wirth bereit gehalten. Ein alter pensionirter Major, der an der Wirthstafel den Vorsitz führte, hörte eines Mittags seine ganze Umgebung von nichts Anderem reden, als von dem eben neu erschienenen Roman von Karl Spindler. Die Erzählung hieß: „Der Jude", spielte im 15. Jahrhundert während des großen Conzils in Constanz, und hatte für Frankfurt ein ganz besonders Interesse, weil die dortige Judengasse der Schauplatz eines Theiles der höchst lebendig geschilderten Ereignisse war. Der Major hatte sich ganz im „Weidenbusch" eingemiethet. Als er nach dem Kaffee sei» Zimmer behufs des Mittagsschlafes betrat, zog er ausnahmsweise die Schelle, und da die mit dem Abräumen der Mahlzeit beschäftigten Kellner das Signal nicht hörten, erschien der Hausknecht. „Hole mir Spindler's Juden!" rief der Major. Aus dem Corridore überlegte der Beherrscher der Garderobe, der die Bürste noch in der Hand hielt, was der Oberstwachtmeister gemeint haben könne. Nochmals zu fragen hatte er nicht den Muth, denn der alte Soldat war mit seinen „Donnerwettern" viel weniger sparsam, als mit seinen Trinkgeldern. Das Adreßbuch muß mir helfen, dachte er zuletzt und studirte darauf in der Portiersloge eifrig den Wohnungs-Anzeiger von Frankfurt. Dem Muthigen hilft das Glück. Er fand wirklich einen Mann Namens Spindler und machte sich nun sofort auf den Weg. „Wohnt hier der Jude Spindler?" fragte er auf dem Flur des betreffenden, in einer kleinen Gasse gelegenen Hauses.